Nr. 28:
1880 .
zur
„Ailqslmrger Pojheitimg.
Mittwoch, 6. Oktober
Unläugbar ist's und die Erfahrung lehrt?
Wie Ruhmsucht zum Verbrechen sich entehrt;
Um Lob und Preis, unl nichtige Erscheinung,
Entsagen wir des Herzens bcsj'rer Meinung.
Auf Ireiersfüßen.
Von G. v. Berlepsch.
Herr v. Huber (seinen Adel hatte er aus dem freigebigen Munde des Volkeserhalten) war, was man einen guten Bürger nennt. Er hatte in seinem Leben keineSchulden, keinen Proceß, ja, mit Ausnahme eines einzigen Nachbarn, auch keinen Feindgehabt. Er befand sich nach Erlangung eines bescheidenen Beamtentitels in jenem Standeder Staats-Passivität, welchen das dankbare Vaterland den Männern gönnt, die aufSchlachtfeldern oder in Kanzleistuben ihre Schuldigkeit gethan haben. Obwohl nun jederTag für ihn hätte ein Sonntag sein können, drängte ihn ein peinlicher Ordnungssinn,welcher schon im Amte die. leuchtendste seiner Eigenschaften gewesen war, auch in derFreiheit noch einen markirenden Unterschied zu machen und den Wochentag mit allerleiKleinigkeiten systematisch auszufüllen, wogegen der Sonntag dann als Tag des Ans-uchens durch drei Dinge jahraus, jahrein besonders gefeiert wurden; durch eine schwarzeSammtweste, welche der Herr Rechnungsrevident nur an Feiertagen trug, dann durchein Brat- oder Backhendl, was dem übrigen Mittagsmahl beigefügt wurde und durcheine Partie Tarok, die er mit Frau und Sohn Nachmittags spielte. — „Alles hübschzu seiner Zeit", hieß sein Leibspruch; diesem gemäß war nicht nur sein Tag, seine Wochen,sein Jahr auf das pünktlichste eingetheilt; sein ganzes bisheriges Leben war in diesemSinne verflossen. Er hatte „zur Zeit" seinen kleinen Posten im Staatsdienste angetreten,zur Zeit zu rauchen angefangen, zur Zeit um ein braves Bürgersmädchen sammt ansehn-lichem Vorstadthause gefreit und so weiter bis ins kleinste Detail, bis auf den Winterrock,den er im Spätherbst an einem bestimmten Datum anzog und im Frühjahr ebenso wiederablegte. Diese systematische Ordnung betraf nicht nur des Herrn NechnungsrevidentenPerson, sondern Alles, was sein war, Haus, Weib, Sohn und Magd. Alles sah geradeso aufgeräumt aus, wie sein sorgfältig rasirtes Gesicht, selbst die Rosen- und Flieder-bäumchen des Gartens. Auf diesen lag aber gerade Schnee, denn es war Weihnachten.
Das Mittagmahl, welches durch die Vermehrung einiger Schüsseln von jeher denHauptglanzpunkt des Festes bildete, war vorüber und der Herr Rechnungsrevident Huberwie seine wohlgenährte Ehehälfte saßen ausruhend, mit einem erhöhten Roth auf denrundlichen Wänglein, in den Ecken des Sophas. Er rauchte die Cigarre zu Ende, welcheer regelmäßig des Morgens nach dem Frühstück genau bis zur Mitte genoß, um nachTische zur bessern Verdauungsbeförderung die andere Hälfte zu rauchen. Im Zimmerduftete es noch lieblich nach allerhand Braten und Strudeln; der Tisch war aber bereits