Ausgabe 
(6.10.1880) 28
 
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abgeräumt und eine angenehme, einschläfernde Sonntagsruhe machte sich nunmehr geltend.Zwischen die langsamen Pendelschläge der Stockuhr tönte zuweilen ein Tellerklappernaus der Küche und das Nachmittagsgeläute der Kirchenglocken.

Mutter!" sagte jetzt der Hausherr mit einer gewissen Feierlichkeit, nachdem erdas glimmende Cigarrenrestchen aus der Meerschaumspitze geblasen und diese sorgfältigins Etui gesteckt hatte. Frau v. Huber öffnete ihre schlafblinzelnden Augen und ant-wortete mit etwas fetter Stimme:Vater!"Ich hab' mir auf den heutigenTag etwas aufgespart,, was ich Dir jetzt sagen will", hub er bedächtig an. >Äasmeinst, wenn wir den Pepi heirathen ließen?"

Wen heirathen?" fragte Frau v. Huber mit ganzer Wendung nach dem Sprechenden.

Nun ich mein' halt ein Mädel, was für uns paffen thäte, häuslich, eingezogenund «ermöglich. Der Pepi kommt jetzt auf die Jahr', wo ich ihn versorgt haben möchte; wer weiß, wie lange wir Zwei leben, dann wäre das auch in der Ordnung."

Frau v. Huber sah nachdenklich auf ihre seidene Sonntagsschürze nieder. Dannantwortete sie:Da hast schon Recht, Vater. Aber wo soll er eine passende Fraufinden? Der Pepi ist so viel scheu!" Der Gatte lächelte.So bin ich auch gewesen,deswegen haben wir uns doch geheirathet. Wir müssen uns halt umschau'n."

Die Huber'schen hatten trotz ihrer Wohlhabenheit stets ein sehr eingezogenes Lebengeführt, kein Gast hatte je ihre Schwelle betreten, außer etwa ein ärmlicher Verwandter,der unterthänigstzum hohen Namensfest" oder zu Neujahr gratuliren kam, mit derstillen Hoffnung, ein paar Guldenzettel oder einen übrigen guten Bissen dabei zu erlangen.Selbst zu Pcpi's Kinderzeiten war kein Spielgenosse in's Haus gekommen; er war alleinaufgewachsen als ein dickes, folgsames Kind, im Sommer im Garten, im Winter in derStube bei der Mutter. Nur eine Bekanntschaft, ja man kann sagen Freundschaft hatteihm in seinen jungen Jahren geblüht; das war ein kleines braunäugiges Mädchengewesen, welches in den Nachbargarten gehörte der durch einen Plankenzaun vom Huber'chenGarten getrennt war. Nachdem die Kinder sich anfangs durch die grünüberwachsenenHolzplanken des Zaunes wie zwei wilde Thierchen durch die Eisengitter ihrer Gefängnissebetrachtet hatten, fand die kleineDrübige" eines Tages ein Schlupfloch und standunversehens vor dem etwas blöde staunenden Knaben. -Mit dieser kühnen Initiativewurden Peperl und Toni gute Kameraden, und auch zwischen den Eltern entspann sichüber den Zaun hinüber ein gesperrt freundschaftlicher Verkehr, der jedoch nach den Zurück-gezogenheitsprinzipien des Huber'schen Ehepaares im Herbste immer wieder ein Ende.hatte. ImQuartier" liebten sie keinerlei fremde Leute. Nun wurde aber auch derSommerverkehr einst jäh abgebrochen, indem Toni's Vater, ein begüterter Fabrikant, er-klärte, daß er just an der Stelle, wo die beiden Gärten sich begrenzten, ein massivesGartenhaus mit Mauer bauen werde. Die Frau Nechnungsrevidentin, als angestammteErundeigenthümerin, fand sich durch Entziehung der Nachmittagssonne, welche ihrenZwergobstbäumen dadurch erwuchs, empfindlich geschädigt. Ihr Eheherr beschloß, sich zueinem osficiellen Besuch xunoto dieser Angelegenheit bei dem Fabrikanten; er führtejedoch zu nichts, da Toni's Mutter, eineresche", zungenfertige Frau, sich die Idee mitdem Gartenhause nun einmal fest in den Kopf gesetzt hatte und ihren Mann dieserhalbauffallend beeinflußte. Da geschah ein äußerlich geräuschloser, aber darum nicht minderintensiver Bruch zwischen diesen beiden Familien, der durch das leibhaftige Erscheinenvon Maurern und Zimmerleuten sich fest verkalkte, wie die Mauer selbst, wohhe, vonSteinen und Mörtel gefügt, sich bald erhob. Dadurch waren Peperl und Toni nunebenfalls geschiedene Leute, aber nur kurze Zeit, bis die Schulperiode sie wieder zusammen-führte. Toni ergriff wieder energisch das Ruder der alten Freundschaft. Sie schlenderteunbekümmert neben ihrem nunmehrigen Schulfreunde her und machte ihm sogar denVorschlag, einmal über die Mauer zu steigen, um das schöne Gartenhaus zu sehen,welches der Vater gebaut habe. Als Pepi dies ahnungslos zu Hause erzählte, sah Frauv. Huber darin eine kränkende Neckerei der Nachbarlichen und es wurde darob dem