Knaben jeder weitere Verkehr mit seiner ehemaligen Zaunkönigin untersagt. Peperl anstricten Gehorsam gewöhnt, that wie ihm geheißen, obwohl mit wehmüthigem Kopfhängen.Er wußte keinen andern Ausweg als den Befehl seiner Freundin ehrlich mitzutheilen»Statt nun Mittleid mit ihm zu haben, lachte Toni nur ungläubig und rief so laut:„Du dummer Bub', ich hab' dir ja nichts gethan!" daß sich gleich mehrere andere' Knaben, die Pepi wegen seines stillen Wesens nicht leiden mochten, dazu gesellten undin den Ruf: „dummer Bub'!" höhnisch einstimmten. Obwohl diese Scene nun durchausnicht in Toni's Absicht gelegen hatte, war sie doch zum Entscheid ihres Freundschafts-iruches geworden; Pepi war gekränkt, Toni trotzte mit dem „dummen Bub'" — sokam es, daß sie nicht mehr miteinander nach Hause schlenderten und die Gartenmauerfortan auch ihre Herzen schied. Und um allfällige Begegnungen, welche den friedliebendenSinn des Herrn Nechnungsrevidenten doch immer auf's Neue beunruhigt haben würden,zu vermeiden, hatte er angeordnet, daß er und die Seinen in Zukunft auf dem jenseitigenTrottoir der Straße, welches die Nachbarn nie benützten, gehen sollten. Zu der Garten-mauer war also noch die ganze Breite einer verkehrsreichen Vorstadtstraße gekommen; —wir sollten glauben, daß dies genügte, um Jahr auf Jahr dahinrollen zu sehen, ohnedaß die feindlichen Parteien wieder einmal ihre Wege gekreuzt hätten? — Im Stillenflog wohl hie und da ein verstohlener Blick über die Straße, oder über den Garten, andessen verhüngnißvoller Mauer jetzt hüben wilder Wein, drüben aber nach den rankendenSchößlingen zu schließen, Kletterrosen wuchsen. Die schlangen im Sommer ihre luftigenArme ineinander und gaben ein heiter ironisch Bild zum Verhältniß der grollendenNachbarn.
So standen die Dinge an dem Weihnachtstage, als der Herr Rechnungsrevident
> und seine ehrsame Hausfrau die Verheirathung ihres Sohnes beschlossen. Nach einemlangen und breiten Gespräch, welches die Nützlichkeiten dieses Schrittes allseitig ventilirthatte, wurde die Hauptperson desselben, Pepi, gerufen und ihm mit der gehörigen Be-sonnenheit' die Kunde mitgetheilt. Pepi, obwohl ein großer und nicht übler Jüngling,stand bei der Eröffnung fast gerade so da, wie vor vielen Jahren, als die kleine Toni,durch den Zaun geschlüpft, plötzlich vor ihm erschien. Er machte erst ein erstauntes,dann ein ernsthaftes Gesicht, dann lachte er verlegen und wußte nicht, was er sagensollte. Die Unterredung endigte damit, daß der folgsame Sohn dem Wunsche der Elternzu willfahren versprach, sofern sich für ihn das „Nichtige" gefunden haben würde.
Pepi war das verjüngte Ebenbild seines Vaters, mit all' jenen braven Durch-schnitts-Eigenschaften, welche diesem zu einem behäbigen und unangefochtenen Dasein ver-helfen hatten. Aus diesem Grunde war vom Traum der Liebe noch wenig über ihngekommen, was übrigens aus seinem abgeschlossenen Leben auch mit herzuleiten war.Wo aber diese Wunderblume noch nicht geblüht, sei's in der Gestalt eines Gänse-! blümchens oder einer dornig wilden Rose, da liegt noch ein unergründetes Capitel ver-
> schlössen, in dem gar Mancherlei schlummern kann!
Pepi betrachtete seit diesem Tag das Leben von einem neuen Standpunkt, derParagraph „Frauen" war plötzlich darin aufgetaucht und lehrte ihn allmälig bemerken,
> daß es in der Welt eigentlich viel Hübsches und Angenehmes gebe, was er bisher kaum
i beachtet hatte. Wenn er so ein lächelndes Mädchenangesicht daraufhin anschaute, als
! könnte das vielleicht das „Richtige" sein, an seinem Arm spazieren gehen, ja ihm gar
! — einen Kuß geben — dann wurde er fast roth und vor sich selbst verlegen, aber in
der Herzgegend begann dabei eine allgemeine liebliche Wärme aufzusteigen. — Aus diesemgewissermaßen traumhaften Zustand wurde Pepi eines Tages im Fasching geweckt, indemsein Vater ihm mittheilte, daß sie ein Turner-Tanzkränzchen besuchen würden, zu welchemein früherer Amtscollege mit seiner Tochter ebenfalls erscheinen wolle. Das war einaußergewöhnlicher Act im Huber'schen Hause; man begann sich umzuschauen!
Pepi sah in seinem nagelneuen Frack, sogar mit gebrannten Locken, so schmuck aus,, daß Herr v. Huber nicht ohne Stolz ihn seinem Collegen und dessen Tochter präsentirte.