Ausgabe 
(6.10.1880) 28
 
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3. daß auf's Frühjahr in die verhängnißvolle Mauer ein Pförtchen gebrochenwurde, über dem nun der wilde Wein hüben und die Kletterrosen drüben sich rechtmäßigumarmen durften.

Glückliches, braves Philistertum! (Deutsche Ztg.)

Römische Sonnenuhren aus Aqnileja.

Das Bedürfniß, die dahineilende Zeit, in der wir leben, zu messen, hat sich beimbomo saxieng zwar schon im grauesten Alterthume fühlbar gemacht. Da aber vorerstdoch noch andere viel pressantere Bedürfnisse befriedigt werden mußten, so fand derGrundsatz »timo m rnono^« noch keine sonderliche Beachtung; die Erfindung der Zeit-messer ließ daher verhältnißmäßig sehr lange auf sich warten.

Wenn von primitiven, in die vorgeschichtliche Aera hinaufreichenden Zeitmeßmethodenabstrachirt wird, so soll es, nach dem Zeugniß der berühmtesten alten Historiker undArchitekten, dem chaldäischen Priester Berosus ans Babylon um das Jahr 270 vorChristus zuerst gelungen sein, ein genaues und verläßliches, aber nur bei Sonnenscheinverwendbares Zeitmaßinstrument, die Sonnenuhr, zu construiren.

Berosus beschäftigte sich viel mit Geschichtschreibekunst und Astronomie und damochte er vielleicht von den in letzterer Disliplin sehr vorgeschrittenen Egyptern, die zurVerfertigung von Sonnenuhren nöthigen Kenntnisse entlehnt haben. Thatsache ist es,daß der Entwurf einer antiken Sonnenuhr schon eine gewisse Geläufigkeit in der Geodäsieund der sphärischen Trigonometrie voraussetzte. Die Sonnenuhr des Berosus bestand nunbekanntlich aus einer dem Himmelsgewölbe nachgebildeten halbkugelförmigen Aushöhlung,Hemisphärium, welches, in dem der Polhöhe des Beobachtungsortes entsprechendenNeigungswinkel aufgestellt, in seiner oberen Parthie mit einem Zeiger versehen war, dessenSchatten die auf der hohlen Halbkugel verzeichneten konventionellen Tages-Zeitabschnittesuccessive andeutete.

Das Princip der Construction der Sonnenuhr blieb ein Geheimniß der Unter-richteten und Fachkünstler, während die übrige Menge, wie auch heutzutage, sich mit derSchablone und der zurechtgelegten Formel begnügte.

An der Erfindung des Berosus wurde mit der Zeit von den antiken Astronomenmancherlei Modifikationen und Besserungen angebracht; so construirte Aristarchus ausSamos eine Sonnenuhr nicht in einer Hohlkugel, sondern auf einer ebenen Fläche(äisons in xlnnitia. Vitruv. IX. 1.); Sko pinas aus Syrakus eine Sonnenuhr inCassetten (laminar); Theodosius eine Universal-Sonnenuhr für alle Polhöhen (xrospan Xlima) u. s. w.

An trüben oder regnerischen Tagen, sowie zur Nachtzeit versagten freilich dieSonnenuhren ihren Dienst. Um diesen Uebelständen abzuhelfen, erfand Ctesibios aus Alexandria die Wasseruhren. Darunter sind aber nicht die den Schulbesuch, dieAblösung der Schildwachen, die zulässige Dauer der Parlaments- und Advocatenredenu. s. w. regulirenden und den Sanduhren analogen Klepshydren zu verstehen; es warendies vielmehr die auf den öffentlichen Plätzen aufgestellten, bei Nachtzeit transparentenMonumental-Wasseruhren (ÜoroIvAia ox ayua), deren ebenso complicirte als sinnreicheConstruction im IX. Buch des Vitruv ius (Feldzeugmeisters unter Julius Cäsar undAugustus) enthalten ist.

Bei den Griechen und Römern war aber die Construction der Sonnen- und Wasser-uhren aus dem Grunde besonders schwierig, weil die Länge des Tages vom Auf- biszum Untergänge der Sonne, ohne Rücksicht auf die Jahreszeit, in zwölf gleiche Stunden(dorn) während des Sommer-Solstitiums dauerte, desto kürzer fiel die Nachtstunds(viZilia) aus; sowohl die Tages- als die Nachtstunden hatten daher in jedem Monatund eigentlich sogar an jedem Tage und in jeder Nacht eine durchaus verschiedene Länge.

Die römischen Uhrmacher hatten folglich ihren Kunden gegenüber einen viel schwierigern