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Stand als die heutigen Chronometerfabrikanten; und dennoch wurde im Alterthum dieZeitmeßfrage in einer ebenso originellen als scharfsinnigen Weise gelöst.
Zur Bekräftigung dieser Meinung hat die vom k. k. Custos des kaiserlichen Münz-und Antiken-Cabinets in Wien , Herrn Dr. Friedr. Kenner, soeben in den „Mittheilungender k. k. Centralcommisfion für Kunst uud historische Denkmale" publicirte und auch imSeparatabdruck erschienene Arbeit „Römische Sonnenuhren aus Aquileja " wesentlich bei-tragen. Durch diese auf österreichischem Boden gemachten Funde und die dann vomHerrn Verfasser geknüpften Erörterungen, werden einige Lücken in der bisherigen Theorieder römischen Sonnenuhren in der glücklichsten Weise ausgefüllt; und da überdies eineder gefundenen Uhren sich als ein Unicum präsentirt, so dürfte eine ganz kurze Analyseder in Frage stehenden Publication vielleicht nicht unerwünscht sein.
In den Ruinen der ehemaligen römischen Kaiser-Residenz Aquileja sind bis jetztsechs verschiedene Sonnenuhren gefunden worden.
Die von Kaiser Franz für das k. k. Antikencabinet acquirirte Sammlung Zanini'szählt zwei in je einen Block Jstrianer Kalksteins gehauene Hemisphärien für die Pol-höhe von Aquileja (45 Grad nördlicher Breite nach Ptolomäus). Um die Ungleichheitder Tagesstunden und ihr Zu- und Abnehmen zwischen den Aequinoctien und Solstitiendarzustellen, sind auf diesen Hemisphärien nicht blos verticale Stundenlinien, sondern auchQuerlinien für die verschiedenen Jahreszeiten, deren Abstand, von einander der Zu- undAbnahme der Schattenlänge des Zeigers entsprach. Der Letztere war ein Metallstab,welcher vertical eingestellt und in geringerer Höhe über der oberen Kante der Höhlungin einem rechten Winkel umgebogen wurde, so daß der horizontale Schenkel bis zurAequatorlinie vorragte; bis z u dieser reichte der Schatten zu allen Stunden des Tagesam 21. März und 21. September, also zur Zeit der Aequinoctien, er schritt dann gleich-sam auf der Aequatorlinie einher. Vom 21. März bis 21. Juni beschrieb er immergrößere Parallelkreise zur Aequatorlinie, bis er um die Sonnenwende den unteren Randder Höhlung erreichte; von da ab wurden die Linien, die er beschrieb, wieder immerkleiner, bis er am 21. September abermals die Aequatorlinie, am 21. Dezember denWinterwendekreis erreichte, d. h. die obere Querlinie nächst dem Zeiger (Anomon). DieStellung und' Abbiegung des letzteren, die Krümmung des Kugelsegments in Verbindungmit der steileren oder schieferen Stellung der Sonne bewirkten die Verkürzung derSchatten im Winter, ihre Verlängerung im Sommer, wodurch eben ein der conventio-nellen römischen Zeiteintheilung vollkommen -entsprechendes Bild auf der Sonnenuhrerzeugt wurde.
Die dritte in Aquileja gefundene Sonnenuhr befindet sich in der Sammlung zuMonastero. Es ist dies ebenfalls ein vortrefflich erhaltenes und für die Polhöhe vonAquileja gearbeitetes Hennsphürium.
Die vierte Sonnenuhr aus Aequileja befindet sich jetzt in der Sammlung desHerrn Grafen Toppo auf dem Schlosse Buttrio bei Udine. Das Hemisphärium ist nurin einem Bruchstücke erhalten; wichtig ist das Objekt durch den Reichthum des bildlichenSchmuckes im Postament. Dieses stellt ein vorne aufgerolltes, corinthisches Capitäl dar,in dessen Innerem eine Venus und eine neben ihr stehende, unbärtige Herme sicht-bar sind.
Die fünfte richtigste Sonnenuhr wurde in Aquileja erst jüngst (1879) auf einemGrunde des Herrn Grafen Cassis, als man nach Juwelen grub, gefunden. Auf einemaus Steinen zusammengesetzten und von steinernen Sitzbänken umgebenen Tisch ist aufder obersten Tischplatte eine horizontale Sonnenuhr und eine Windscheibe eingravirt.Die Tischplatte ist von einem Nahmen umgeben und ist diese Uhr der einzige Reprä-sentant einer Sonnenuhr in Kassetten, wie eine solche, nach Vitruvius , im CircuSFlaminius zu Rom aufgestellt war. Gestützt auf andere Funde und Substructionen weistHerr Dr. Kenner mit Evidenz nach, daß die Residenzstadt Aquileja sich eines Circuserfreute, daß dieser höchst wahrscheinlich von Kaiser SeptimiuS SeveruS um'S Jahr 20Ü