Ausgabe 
(9.10.1880) 29
 
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Ailgstmrger pojheiümg."

Nr. 29. Samstag, 9. Oktober 1880.

Die Wahrheit ist ein Brod, das starke Zähne fordert; eine Brant, die ein Jeder scheut; einBuch, in welchem Niemand gerne liest; ein Wasser, mit dem sich Niemand gerne wäscht; eine Lanze,die schwer verwundet, und eine Speise, schwer zu verdauen.

Abraham L, St. Clara.

HrldegAVd*)

Criminal-Novelle von Theodor Küsteri

Ein grauer Herbstmorgen hüllte die größte deutsche Hafen- und HandelsstadtHamburg in düsteren Nebel. Es war kaum 8 Uhr, und der Verkehr auf den Straßengerade um diese Zeit sehr lebhaft; junge Leute, welche eilig ihren Comptoirs zueilten,Näherinnen und Andere, welche um diese Stunde an ihr Tagwerk mußten, füllten dieStraßen. Selten nur sah matt zwischen den Milch- und Brod-Verkäufern, den Grün-Händlern und Metzgerburschen, welche ihre festen Kunden bedienten oder nach deren Auf-trägen zu fragen käme», andere Personen, die nicht zu ihrem Geschäfte eilten.

An der Allster, auf deren Ostseite, dem sogenannten Alsterdamm, ging eiligenSchrittes ein junges MädchenDame" kdnnte man es, nur nach dem Aeußerenanheilend, kaum nennen; und doch fühlte man, daß diese Bezeichnung die passende seinmüsse, wenn man die hohe, schlanke Gestalt mit dem feinen, blassen Gesicht sah; dasdünne, schwarze, in Folge Altersschwäche schon in's Graue hinüberspielende Kleid, dasfür die vorgerückte Jahreszeit bereits zu durchsichtige Umschlagetuch und den kleinen, durchvielfachen Gebrauch zerknitterten und unansehnlich gewordenen Strohhut all' diesmußte man vergessen über den edlen Zügen, auf denen ein Hauch tiefer Melancholielag. Ein kalter Luftzug von der Alster her fing sich in ihren Kleidern und trieb eineleichte Nöthe auf ihre Wangen; fröstelnd versteckte sie die kleinen, in vielfach ausgebessertenHandschuhen sich verbergenden Hände unter ihrem Shawltuch und mit ihnen eine Mappe,welche sie trug.

Jetzt bog sie von der Alster nach Rechts ab, einem großen rothen, von Garten-anlagen umgebenen, erhöht liegenden Gebäude zu, auf dessen Inhalt wohl, weniger aberauf die äußere Form Hamburg stolz sein kann der Kunsthalle. Je naher das jungeMädchen dem gewöhnlichen Sciteneingange dieses Museums kam, um so zögernder wurdenseine Schritte. Es schien ängstlich; mit seinen großen, traurigen Augen blickte es aufdie noch verschlossene Thür, an welcher ein mit großen Lettern gedrucktes Placat besage,daß dein Publikum der Eintritt erst um elf Uhr gestattet sei. Es hatte nicht nöthig,das erst zu lesen es wußte es; kannte es doch das große Gebäude, seine reichenSchätze und die den Besuch des Publikums regelnden Vorschriften ganz genau, da eStäglich viele Stunden dort zubrachte. So ließ es denn auch heute jene Thür unbeachtet,

*) Nachdruck verboten!