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wandte sich der Hinterseite des großen Gebäudes zu und trat dort in eine kleine Thür.Nur zwei Schritte noch und es stand vor einer Stubenthür, an der es schüchtern klopfte.
„Herein!"rief eine rauhe Männerstimme, welche jedoch beim Anblick der Eintretendeneine bedeutend freundlichere Stimmung unnahm.
„Guten Morgen, Fräulein Beckers — Schon so früh?" —
„Herr Castcllan, ich möchte Sie recht sehr bitten, mir für einige Tage zu erlauben,daß ich schon um 8 Uhr kommen darf; die Copie muß noch in dieser Woche fertigwerden, und später, wenn oft viele Besucher die Säle durchwandern, arbeitet es sichschwerer und es geht weit langsamer von Statten. Bitte, nur für diese Woche!" —
Mit weicher, herzlich bittender Stimme hatte sie gesprochen.
Nachdenklich wiegte der alte Beamte den Kopf; endlich erwiderte er:
„Ich kann es nicht gut auf mich allein nehmen, Fräulein Becker; wenn Sie mitdem Herrn Jnspector gesprochen hätten ....." —
Das junge Mädchen erröthete leicht bei Erwähnung des Jnspectors, doch weitdringender fuhr es fort:
„Sie kennen die traurige Lage meines armen Vaters, Herr Castellan, und wissen,wie sehr wir des Geldes bedürfen, welches ich für diese Copie erhalten werde, sobaldsie vollendet ist; bitte, lassen Sie mich ein! — Und noch Eins", setzte sie zögernd hinzu,„der Jnspector muß es nicht erfahren." —
Der alte Castellan nickte lächelnd, gutmüthig; er schien nun Alles zu begreifen.
„Ihnen zu Liebe thue ich schon ein klebriges, Fräulein Becker", sagte er. „IhrVater — ach, der liebe, gute Herr, wie leid thut er mir, und wie betrübt mich seinunverdientes Geschick! — Ich habe ihn ja gekannt, als er jung und vor aller Weltgefeiert hier aus- und einging, als man sich leise zuflüsterte in den Sälen bei seinemErscheinen und ihn den „Stolz Hamburgs" nannte — und nun so elend und — sorasch vergessen!" —
„Ich danke Ihnen, lieber Herr Castellan, für Ihre Güte. —> Wie geht es IhrerFrau und Ihren Kindern?" —
„Nun man muß zufrieden sein, Fräulein, es geht eben so, daß man nicht geradeklagen darf."
Beide gingen nun durch einen langen, schmalen Gang und dann eine Treppe mitwenigen Stufen hinauf, bis sie in die große, säulengetragene untere Halle kamen, anderen Wänden rings herum vorzügliche Copien der berühmtesten Bildhauerarbeiten auf-gestellt waren und in deren Mitte die prachtvolle große und breite, in halber Höherechts und links sich theilende Marmortreppe, mit Teppichen belegt, zur oberen, aus-schließlich die Gemälde enthaltenden Etage führt. Dort hinauf stiegen sie.
Die tiefe Stille in den weiten Räumen, der laute Schall jedes gesprochenenWortes und draußen die graue, schwere Nebelluft — dies Alles machte einen beängstigend-unheimlichen Eindruck. — Links vom Hauptsaal, in einem der kleinen Zimmer, wardHalt Gemacht, und Hildegard Becker entledigte sich des kleinen, unansehnlichen Stroh-hutes. Eine reiche Fülle einfach geordneter brauner Zöpfe umschlang den edelgeformtenKopf und ließ daß blasse, schmale Gesicht noch feiner erscheinen; als sie auch noch daskkmschlagetuch abgelegt hatte, zeigte sich die schlanke, biegsame Gestalt in ihrer ganzenSchönheit und Formvollendung. Hildegard band eine kleine Schürze vor und begann,immer noch mit dem alten Castellan plaudernd, Pinsel und Palette zurechtzulegen, währendWesselmann — der Castellan — eine verhängte Staffclei aus dem Winkel des Zimmersholte und in die zur Arbeit erforderliche Position brachte.
„So", sagte der Alte, „nun will ich auch nicht länger stören, Fräulein Becker."
Hildegard nickte ihm freundlich zu. Dann rieb sie sich die von dem rauhen Herbst-morgen etwas gerötheten schmalen Hände, dabei ihre aufmerksame Beobachtung theilendzwischen dem Originalbild und ihrer Copie desselben.
Die „Tochter Tizian's" war in treuer künstlerischer Vollendung unter Hildegard'S