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Pinsel entstanden — die Copie einer Copie, deren Original sich bekanntlich in der DresdenerGalerie befindet. Nur noch wenige Arbeit, und das Bild war vollendet. Es war einerecht gelungene Arbeit, und doch schien noch etwas wie Unzufriedenheit auf dem melan-cholischen jungen Gesichte der Künstlerin zu liegen, als sie ihre Arbeit mit der desberühmten, vielgenannten jungen Malers verglich, nach dessen in der Dresdener Galeriegenommener Copie sie malte. Allein auch dieser — wie es schien — unbefriedigteAusdruck verschwand, als sie mit nunmehr erwärmten Händen eifrig an ihre Arbeit ging.
Stunde um Stunde verrann bei ihrer emsigen Thätigkeit, bis es endlich auf demnahen Kirchenthurme 11 Uhr schlug. Hildegard begann unruhig zu werden, und wieim Traume verloren pausirte sie zuweilen in ihrem Schaffen, ihr Blick schweifte hinausin die klarer gewordene Atmosphäre, und ihre Lippen bewegten sich, leise murmelnd:
„Ob er wohl heute kommen mag?"
Sie erinnerte sich jedoch, das; sie von ihrer kostbaren Zeit keinen Augenblick zuverlieren habe, und fuhr eifrig fort zu malen.
Allein die Ruhe war von ihr gewichen, immer auf's Neue mußte sie sich unter-brechen, um auf die Schritte Nahender zu horchen, denn mit dem Glockeuschlag elf beganndie Zulassung des Publikums zu den weiten Räumen der Kunsthalle sowohl, wie auchzu der in einem Theile derselben etablirten permanenten Ausstellung der Arbeiten lebenderKünstler.
Es mochte so eine halbe Stunde vergangen sein, noch keiner von den Besuchernhatte das kleine Zimmer betreten, in welchem Hildegard arbeitend vor der „TochterTizian's" saß — da plötzlich, erröthete das junge Mädchen heftig, sie legte die Handheftig auf's Herz, um sein ungestümes Pochen zu beschwichtigen; sie hatte die Schritteerkannt, welche langsam dem Zimmer sich näherten; sie wußte, wer jetzt kam — nur umsie zu sehen, an nichts sonst, an keinen der zahlreichen Kunstschätze sich kehrend, nur siehier suchend. — Gewaltsam hatte sie sich beherrscht, und anscheinend ruhig arbeitete sieweiter, obwohl sie es kaum wagte, mit ihrer heftig zitternden Hand den Pinsel auf dieLeinwand zu bringen.
Das Geräusch der Schritte hatte ganz in ihrer Nähe aufgehört; Hildegard fühlte,daß die Augen des Herangetretenen auf ihr ruhten. Schüchtern erhob sie den gesenktenKopf und sah ihm in's Gesicht — nur einen Augenblick-— während sie mit leichtem,befangenen Nicken und tief crröthend seinen achtungsvollen Gruß erwiderte.
Ein eleganter Herr in der Mitte der dreißiger Jahre stand dicht neben Hildegard;sein Blick ruhte auf der Arbeit der Künstlerin.
„Sie waren sehr fleißig, mein Fräulein, und ich gratulire Ihnen zur baldigenVollendung", sagte der Herr.
Verlegen und auf's Neue erröthend, erwiderte Hildegard Becker nichts. Siebegann anscheinend ihr Vorbild zu ftudiren. Es war das erste Mal, daß der Fremdesie angeredet hatte, obwohl schon wochenlang täglich Beide sich gesehen. Erst vor wenigenTagen hatte er zuerst sie gegrüßt und sie ihm halb befangen, halb erschreckt gedankt.
Er war unleugbar ein schöner Mann mit dunkelblauen, glänzenden Augen, welcheeigenthümlich contrastirten mit dem schwarzen Haar und dem gleichfarbigen Schnurrbart,wie mit dein südlich gebräunten Teint. Bei einen; zufälligen Besuch der Kunsthalle hatteer im Vorübergehen die Malerin gesehen, doch sie kaum beachtet; nur erst, als er einenKennerblick auf die treue, künstlerisch vollendete Copie der „Tochter Tizian's " geworfen,da sah er auch aufmerkfamer auf das fleißige junge Mädchen, welches seine Nähe garnicht bemerkt hatte. Am folgenden Tage kam er wieder. Die blasse Künstlerin hatteihn mehr beschäftigt, als er selbst sich gestehen mochte. Dann hatte auch sie ihn zufälligbemerkt, und als er darauf Tag um Tag immer wieder kam und mit stummer Bewunderungin ihrer Nähe verweilte, als seine Augen die ihren zu suchen begannen, da empfand sie,wie ein leises Wonnegefühl sie erbeben machte, und daß der schöne Mann mit den guten,sapien Augen nur ihrethalbcr ein so regelmäßiger Besucher der Kunsthalle geworden,