und das junge Mädchenherz folgte willig der magnetischen Gewalt seiner Blicke, welchesie auch verfolgten, wenn er nicht da war, die in ihre Träume sich drängten und derenZauber sie willenlos sich hingab. Kein Zudringlicher Blick, kein ungehöriges Wort vonihm belästigte Hildegard je; er war immer achtungsvoll und zurückhaltend. Es that ihrdies recht wohl, denn oft hatte sie in Folge ihres ärmlichen Aeußern, welches doch ihreJugend und Schönheit nicht zu verdrängen vermochte, sich rohen und frechen Zudring-lichkeiten ausgesetzt gesehen.
Einige Minuten — für Hildegard eine lange Zeit süßer, bebender Angst — warer in dem kleinen Zimmer geblieben, dann ging er leisen Schrittes durch die offeneNebenthür. Hier stand er lange an einem Fenster und schaute hinaus auf die nun vonder eleganten Welt und von schönen Equipagen belebten Straßen.
(Fortsetzung folgt.)
Sylt.
Gleich einem Streiter, der zu Boden sank, liegt das sterbende Eiland zu Füßendes brandenden Meeres. Der Wind pfeift darüber, peitscht die Wogen und jagd siegegen die Dünenwände, die am äußersten Rande der Insel aufsteigen, bald in einfacherReihe, bald in regellos sich emporthürmender Hügelkette. Diese Wälle schützen die hohenLeuchtthürme, die in den Nebel wie graue Riesen der Vorzeit ragen, schirmen die Häuser,die weitab von der Brandung ängstlich hervorschauen, decken mit ihren hohen Kuppendas Leben der wenigen ansässigen Menschen und die grüne baumlose Ebene, welchelandeinwärts die Insel zeigt. Ein düsteres Bild! Vor uns öde Fläche, hinter uns diesandige Düne und das wogende Meer, über uns ein trauriger Himmel, auf dem dieWolken sich finster, gleich drohenden Händen ballen.
Das ist Sylt, eine langgestreckte, nahezu zwei Quadratmeilen fassende Insel, derübriggebliebene Rest einer von Wind und Meer in Trümmer geschlagenen Welt.
Vorläufig ist Sylt, seit ein Arzt aus Altona vor etwa zwanzig Jahren in diesemBereiche düsterer Melancholie einen erquickenden Reiz für verstimmte Nerven fand —Seebad geworden. Mit den insclüblichen Preisen stieg der Besuch. Nicht zur Freudealler eingeborenen Bewohner, an denen das Geschick sich wiederholt, das ihre Väter vorgrauen Jahren dem Centrum europäischer Cultur bereiteten. Bedrohlich wendeten sich,als die Fluth ihren heimathlichen Boden umstürmte, die Ahnen der Sylter : die Cimbern,gegen Süden. Rom zitterte, wie jeder Hörer eines Gymnasiums zu sagen weiß, bisMarius zum Retter der damaligen Gesellschaft wurde. Nun ziehen aus den südlichergelegenen Landen wirkliche und vermeintliche Kranke auf den alten cimbrischen Bodendes Nordens. Der ehedem steife barbarische Nacken der Eingeborenen muß sich beugenlernen; die Fremden nehmen Besitz von seinem kleinen Haufe, seinem flackernden'Herde,seinem säuberlich blanken Bette, seinem Gärtchen, in dessen rothen Haideglocken der Windläutet. Der Fremden Sitte setzt sich auf der Insel fest. Art wie Unart der Eindring-linge geht aus die Jugend über, die anfängt, sich der Kleidung von ehedem, der weitenZwilchhose und der theerigen Jacke, zu schämen; welche die alte, dem Idiom FritzReuter's so naheverwandte Sprache scheut und die Gewohnheit mißachtet, die so langeihr Herrenrecht auf der Insel geübt.
Nur noch im Norden und Süden der Insel, wohin der Fremde seltener gelangt,ist der alte Brauch erhalten. Wenn unter die geputzten Badegäste Sonntags der Nord-und Südländer in seiner feiertäglichen, altmodischen wollenen Gewandung erscheint, um'labakkauend oder ein brandiges Getränk schlürfend die fremden Gäste und ihr Treibenzu beobachten oder die Sonne wie eine rothe Kugel in's Meer tauchen zu sehen, scheinteine vergangene Epoche sich aufzuthun. Selbst in Bewirthschaftung des Bodens haltenNord und Süd am Brauche früherer Tage. Das Land gilt als Gemeingut. Ein Vor-steher setzt fest, wann die Wiese — Ackerland gibt es kaum — zu bestellen, das Heu