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zu mähcn sei, wer die Heerden zu besorgen hat. Auch Festes- und FcisrtagSfreudensind die alter Zeiten.
In Nord und Süd der Insel thürmt sich die Dünenkette am wildesten. Hierformte der Flugsand Berge und Thäler wie im Hochgebirge. In beide senkt das Hnide-gras seine Wurzeln, als wollte es die Sandwälle, die das Meer zum Schutze vor seinereigenen Macht errichtet, festhalten. Vergeblich! „Die Dünen sind die wilden Hofhunde;sie schützen, aber sie greifen auch an", meint ein altes Friesenwort. Wo heute ein Berg— ist er nach wenigen Wochen verflogen. Das Thal thürmt sich zur Höhe, und Halmeund Ranken, die es fesseln wollten, sind, vom Winde zersaust, im Stande begraben.Immer weiter landeinwärts fliegt der Dünensand, Korn auf Korn! Wie mit Riesen-füßen schreiten, alles Leben vor sich her vernichtend, diese wandernden Höhen einher.Im äußersten Norden der Insel, wo das Land in eine schmale, vom Sandgcbirgegekrönte Strecke ausläuft, liegen die Grabstätten ehedem blühender, vom Sande ver-nichteter Ortschaften. Der Hauch des Todes weht darüber. Rechts trichterförmigeThäler, mächtige Hügel. Ihre Füße küßt das träge Wattenmeer. Ihn; gegenüber rolltauf dem jenseitigen Ufer des schmalen Jnselrückens die wilde Nordsee ; man hört dieBrandung in ihrem gleichmäßigen dumpfen Rauschen; ab und zu kreischt eine Möve.Sonst tiefe, beängstigende Ruhe. Auch in den Wohnstättcn der wenigen Menschen, diehier ansässig sind. Wie im Schlafe liegen diese ärmlichen Häuschen auf kleinen Lehm-hügeln. Wenn das Wasser steigt, geht es über die Hügel hinaus und bestreicht dieVorplätze der Häuser.
Ein Gehöft, das höchstgelegene, ist das Haus des Strandvogts. Vor demselbensind wie mächtige Barricaden zerbrochene Planken, Schiffsgeräthe, Kisten und Fässer mitErzeugnissen ferner Länder aufgeschichtet. All dies bleibt hier bis zur nächsten Auction,in der die einzelnen Stücke von dein Meistbietenden erstanden werden. Der Staat istSammler und Verkäufer alles dessen, was die Welle in ihren Schooß zog, um es über-sättigt wieder an's Land zu werfen. Ehedem wurde dieses Geschäft von den Bewohnerndes Ortes besorgt. Sie befanden sich sehr wohl dabei; gar manchen Diavolo des Meereshat die Heldensage besungen und eine Gloriole schmückt sein Haupt. Der Lampenkranzim Leuchtthurme, heute ein warnendes Zeichen, war ein Lockvogel für ahnungslose Schiffer,die das trügerische Licht in den brandenden Strudel zog. Die Kirche ist verschwundenmit unzähligen Häusern, die einst neben dieser Ruine eines Dorfes — sein Name istRantum gestanden.
Es ist nicht lange her, daß sie verschüttet wurden. Die Kirche hielt am bestenStand, Zweimal wurde sie abgebrochen und ostwärts neu errichtet. Die fliegendenBerge zogen hinterdrein. Noch in den esten Tagen unseres Jahrhunderts tönte Gottes-dienst und frommes Lied in ihr. Der Sand flog durch Thore und Ritzen, oft standdie Kanzel während einer Predigt mitten im Sande. So beschloß man die Kirche zusperren und später an einen Schiffer zu verkaufen. Derselbe, Ebe Pohn mit Namen,baute sich aus dem Kirchenholze ein Schiff, schmückte es mit den heiligen Gerathen undnannte sein Gefährte — das Gotteshaus hatte ihm nur hundert Thaler gekostet —„Segen von oben." Eines Tages strandete das Schiff, die See verschlang alle Heilig-thümer von Alt-Rantum.
Die preußische Regierung hat, als sie von Sylt Besitz ergriff, sofort einen sehrnachdrücklich geführten Kampf gegen Dünen und Meer zum Schutze des Landes begonnen.Die Bewohner der fünf Häuser von Rantum sind ihr sehr eifrige Mitarbeiter geworden,zum Lohne hiefür hat ihnen der. Staat für die verlorene Kirche ein SchulhauS gebaut.
Sylt hat auch Stätten des Lebens: in Keitum, wo der Sitz der Aemter ist, undin dem eigentlichen Badeorte. Hier erheben sich auf dem weichen elastischen Moorboden,auf dem man wie über Teppiche schreitet, städtische Hotels, Landhäuser und stolzereBauten mit Arcaden» in denen große Kaufläden; hier kreist die fremde Welt auf Syltin bunter Menge; diese kleine Welt mit ihren Hoffnungen und Wünschen, ihrer Unruhe, ihren