Ausgabe 
(9.10.1880) 29
 
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Das preußische Negime ist auf der Insel nicht völlig eingebürgert. Der trotz, sFriese und der unbeugsame Geist brandenburg 'scher Verwaltung sind nicht geeignet, sehrgut mit einander Zu fahren. Die Preußen haben die Schisffahrtschule aus Sylt gesperrtund verlangen, daß die Sylter im theuren Hamburg die Kunst der Schifffahrt lernen,ehe sie Fahrzeuge auf der See selbstständig führen. Der erste Sylter, der die hoheSchule besuchte, fiel beim Examen durch, und eS fehlt seither an Muthigen, welche nachden Ziffern und Buchstaben begierig wären, deren Kenntniß eine neue Zeit für denSchiffScapitän unerläßlich hält. Preußen hat eine Verwaltung, die viel kostspieliger ist,als die des kleinen Dünemark; Preußen fuhr mit einem Schwämme über alle Gerecht-same und Freiheiten der Friesen. Preußen hat seine Wahrzeichen auf der Insel aus-gestellt mit der Bezeichnung des Landwehrbezirkes und des Regimentes, in das die Söhnedes Landes eingereiht werden sollen; aber den Insulanern mißfällt dieser Dienst, undmancher von ihnen hat sich über die nahe dänische Grenze nach dem fernen Amerika ge-macht, um dem Exercir-Neglcment zu entweichen. In Einein hat die preußische RegierungAußerordentliches geleistet: in dein Kampfe, welchen sie zum Schutze der Insel gegen dietobende Gewalt des Meeres führt. Millionen hat sie bereits für die mächtigen Bühnen-bauten verwendet, die ihre steinernen Niesenarme kühn ins weite Meer von allen Gestadender Insel aus erstrecken. Gewaltige Felsblöcke zum Theile sind sie aus den Hünen-gräbern der Insel gebrochen bilden diese Wälle. Zwischen ihnen sammelt sich derFlugsand, und es entsteht ein Vorstrand, der die Küste der Insel in den Tagen derGefahr schützen soll. Die Sylter meinen, die Bühnen werden nicht Stand halten, wennerst der rechte Wind komme.

Der rechte Wind! Regelmäßig einmal im Monate kehrt er wieder, rvenn dieMondscheibe ihren Glanz einbüßt. Er pfeift nicht wie sonst. Er schreit und brüllt undtobt wie eine hungernde Bestie. Er klirrt im Muschelwerke und Gestein, welche dieWells ans Ufer warf, peitscht das Meer, daß es tosend zum Himmel spritzt, wie gejagtvon weißen Gespenstern: von dem Meergotte Nigir auf bäumendem Rosse, den flatterndenZwerggeistern der Insel, den Pucks von Stademwüfke, der weißen Frau von Sylt, dieihr Klagelied heult, so oft der Insel Unheil droht. Wenn im September und Märzdie Länge des Tages und der Nacht sich gleicht, dann bekreuzen sich in solchem Augen-blicke die Sylter Frauen; die Männer aber setzen die schwarzaetheerten Häuser zumSchutze für Gestrandete zurecht und harren der Beute, die das Meer auswirft. Ab undzu ist es eine Leiche. In aller Stille wird sie bestattet nahe dem mörderischen Meere,inder Heimnth für Heimathlose", einer umfriedeten Reihe von Gräbern. Ein neuesKreuz tritt zu den alten. Es trägt keinen Namen, nur ein Datum, das den Tag an-zeigt, an dem der Jüngste, der im Meere ausgerungen, an die mütterliche Erde sank.

Zur Sommerszeit endigt der Sturm minder tragisch. Er fegt wie toll die Kleiderder Muthigen, die sich ins Freie wagen, durcheinander und stößt mit seinen gewaltigenFäusten gegen Alles, was Widerstand leistet. Die Scheiben klirren, die Häuser wankenund die Badekarren brechen krachend zusammen. Sind die Nachtstunden vorüber, dannlegt sich seine Wuth. Nur das Meer bäumt sich noch wilder als sonst. Die Badendenlockt und ruft es mit tausend Stimmen, und wie mit tausend Händen führt es ihnenErquickung zu.Himmlisch' Bad!" declamirt im höchsten Tone des Theater-Entzückensein Bühnenheld, dem während der heißen Münchener Possart-Tagc ein Wiener Urtheilin die Nerven fuhr, daß er hier Erholung suchen muß.Himmlisch' Bad!" Er schlägtdas Laken künstlerisch wie eine Toga um die hohen Glieder.Einziger Wellenschlag!Das Bad für starke Männer!" Friedrich Schütz.

Auslösung dor Original-Charade in Nr. 27: Trauerspiel.

Für die Redaktion verantwortlich: Alvhons Planer in Augsburg. - Druck und Verlag desLilerariMeu Instituts von Dr. M. Huttler.