Ausgabe 
(13.10.1880) 30
 
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Nr. 30.

1680.

zur

Ailgsimrgcr PostMmrg."

Mittwoch, 13. Oktober ^

Was ist's auf Erden doch ein Streben, Wetten, Jagen,

Und fragst Dn Dich warum? um schließlich zu entsagen.

Rudolf Bunge .

Hildegard.

Criminal-Novelle von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Hildegard versuchte ihre Arbeit wieder aufzunehmen, doch mochte es die nun schonnahezu vier Stunden währende angestrengte Thätigkeit sein, welche ihre Hand erzitternließ, ihre Blicke umflorte, oder hatte die momentane mächtige Aufregung sie bewältigt;eine Schwäche, welche sie ihrer Sinne zu berauben drohte, bemächtigte sich des jungenMädchens. Bleich, das schöne Haupt an die Wand gelehnt, sah sie da, ein leisesStöhnen drang aus ihrer schwer athmenden Brust, während Thänen über ihre Wangenrollten.

Ob er den leisen Schmerzenslaut gehört? Plötzlich wandte er sich und erblicktedie halb Bewußtlose. Erschreckt eilte er zu ihr.

Was ist Ihnen, mein Fräulein? Sie sind nicht wohl!"

Mit diesen Worten eilte er auf Hildegard zu.

Sie vermochte ihm nicht gleich auf seine theilnehmendc Frage zu antworten, nurein angstvoller Blick aus thrünenumflorten Augen ruhte auf seinem die höchste Besorgnis;ausdrückenden Gesicht. Der Fremde hielt die schmale weiße Hand der Künstlerin einenMoment nur in der seinigen sie war kalt, eiskalt.

Rasch.entschlossen rief er einen der Aufseher der Galerie herbei, sprach schnell nurwenige Worte mit ihm und kehrte zu dein inzwischen bewußtlos gewordenen jungenMädchen zurück, das er voll tiefsten, aufrichtigsten Mitleides ansah. Leise, wie zu sichselbst, sagte er:

Armes Kind! Der nicht endende Kampf mit Noth und Elend hat sie über-wältigt!"-

Eine Fluth von Gedanken bestürmte die Seele des Mannes, dessen ganzes Interessedies arme junge Mädchen seit lange schon erregt hatte. Er hatte bemerkt, wie sie sichabgemüht, diese schwierige Arbeit zu Ende zu bringen; ein Blick auf ihre Kleidung hatteihn belehrt, daß sie die Sorge um das tägliche Brod härmte und quälte, daß diesessanfte, traurige Gesicht den Stempel des Mangels und der Entbehrung trug. Unddabei so viel Schönheit und Talent! Und täglich bemerkte er, wie die Wangenbleicher, der Glanz der seelenvollen Augen trüber wurde, und unwillkürlich mußte er sichfragen:Wie lange wird sie zu kämpfen vermögen mit Elend und Armuth? Wirdnicht auch sie bald den glänzend verlockenden Weg des Lasters betreten müssen, wenn sienicht umkommen soll durch bittern Mangel?"