Sein Vorsatz stand fest: er wollte sie nicht aus den Augen verlieren, er sah ein,e s mußte etwas Durchgreifendes für sie gethan werden, um den Kampf für die Existenzihr zu erleichtern.
Eines Tages war er ihr gefolgt, ohne, daß sie es ahnte; durch enge dumpfeStraßen führte ihr Weg in das Quartier der Armen, wo sie eines jener Häuser betrat,welche jedem Gutsituirten, der sich in diese Gegend verirrt, geheimes Grauen verursachen,wo Duzende von Familien in schmutzigen, engen Räumen bei einander leben, die ihnenkaum die nöthige Luft zum Athmen gewähren können. Dort wohnte die blasse, schöneKünstlerin. —
In demselben Hause befand sich ein kleiner Krämerladen, und dort zog der theil-wehmende Herr Erkundigungen ein über das junge Mädchen, und Alles, was er daerfuhr, konnte 'das lebhafte Interesse, welches er für Hildegard Becker empfand, nurerhöhen. Die kleine behäbige Kräinerssrau war voll des Lobes von „Fräulein Becker";in ihrer geschwätzigen Weise hatte sie alsbald ein klares Bild von den Verhältnissen ent-worfen, unter denen die Familie Becker litt. Dieselbe wohnte nun schon seit einigenJahrei: in einem Hinterstübchen ihres Hauses.
Hildegard's Vater war einst in Hamburg ein bekannter und hochgeachteter Malergewesen, seine Bilder waren sehr gesucht und wurden gut bezahlt, er hatte viele Freundeund Verehrer und wohl auch manchen böswilligen Neider gehabt, denn er schien einerjener wenigen Bevorzugte!: oder Auserivühltcn zu sein, denen mit Recht das Glück lacht.Der talentvolle Maler besaß ein schönes, über Alles von ihn: geliebtes Weib und dreireizende Kinder; sein Heim war eine Stätte des Glücks und der Liebe. Doch nur zubald ward es anders.
Becker ward von einem Augenleiden heimgesucht. Anfänglich war es unbedeutend,und die Aerzte hofften es bald zu beseitigen, doch Monate ja Jahre vergingen, und derZustand des unglücklichen Künstlers ward immer bedenklicher. Seit Beginn seiner Augen-krankheit hatte er Pinsel und Palette zur Seite legen müssen; er war auf dem Wegegewesen, sein und der Seinigen Glück zu begründen, allein es war noch nicht gemacht.Der Haushalt ward mehr und mehr eingeschränkt; anfänglich ging es noch aus eigenenMitteln, dann halfen die Freunde, doch auch diese Hülfe lies; nach, mußte nachlasse!:, wiedas ja im Laufe der Welt nicht anders sein kann. Mehr und mehr machten Mangelund Noth sich heimisch in dem kleinen, sonst so glücklichen Familienkreise.
Aller ärztlichen Verbote ungeachtet hatte Becker doch im Anfang den Versuch derArbeit wiederholt gemacht, kam indessen bald genug zur Einsicht, das; es vorbei war mitseinem Schaffen und Wirken, denn seine Augen waren unrettbar verloren.
In diese Zeit der Trauer und Entbehrungen fiel ein Funke lichten Glücks; diekleine Hildegard, kaum zwölf Jahre alt, begann jedes ihr erreichbare Stückchen Papier zu bezeichnen oder zu bemalen, und die kranken Augen des Künstlers erkannten das ihminnewohnende Talent wiedererstehe!: in seiner Tochter. Mit Hast und Eifer begann erden systematisch-theoretischen Unterricht mit dem Kinde, das unter seiner Anleitung immersicherer und genialer die Idee zu verkörpern anfing, welche der Vater vor dem geistigenAuge Hildegard's zu zaubern verstand.
Doch immer schlimmer wurde Becker's Zustand, und er konnte nun auch selbst denUnterricht seines Kindes nicht mehr fortsetzen, da er nicht im Stande war, ihre Arbeitauch nur annähernd zu controliren. Immer matter, verschwommener, trat Alles vor daseinst so scharfe Auge. Es gab nun eine Zeit voll des tiefsten, schmerzlichsten Leids; umseine ganze Zukunft betrogen, die Seinen in Kummer und Mangel wissend, ohne Aus-sicht auf Hülfe und Rettung, traf den unglücklichen Künstler der bitterste Schlag; seintheures, heißgeliebtes Weib erlag dem Unglück; die Verzweiflung über das Schicksalihrer Lieben hatte bis zur letzten Stunde sie gequält und ihr das Scheiden doppeltschwer gemacht.
Jahre waren seitdem vergangen — Jahre voll Elend und Kummer. — Eii: treuer