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Freund, ein Kunstgenosse Vecker's hatte das Talent der kleinen Hildegard ausgebildet.Es war das die einzige Hülfe, welche der selbst nicht vermögende Künstler dein armenKollegen geben konnte, und das Ergebniß von Hildegard's fleißigem Studium bildetenunmehr die einzige Ressource für die bedauernswcrthe Familie.
Die kleinen Arbeiten Hildegard's wurden durch Vermittelung ihres Lehrers — desMalers Krelle — an einen Kunsthändler verkauft; dieser indessen kannte die Bedrüngnißder Familie und zog seinen Vortheil daraus; er gab sich den Anschein, als ob ein Mit-leio ihn bewege, die Bilder überhaupt zu kaufen, namentlich da sie von einer so jungenund gänzlich unbekannten Malerin herrührten, während er den Käufern deren Vorzügezu preisen verstand und das unleugbar große Talent hervorhob, welches die Künstlerinbesaß. Er wußte einen unverhültnißmäßig höheren, als den von ihm bezahlten Preiszu erzielen, und freute sich des guten Geschäfts, welches er machte.
Durch Vermittelung von Becker's Freund und Kollegen Krelle hatte Hildegard voneiner reichen Dame den Auftrag erhalten, die „Tochter Tizian's" zu copiren, und warihr für diese Arbeit ein ansehnliches Honorar zugesichert. Mit unermüdlichem Eiferhatte sie die Arbeit begonnen und weiter geführt, und dieselbe war nun der Vollendungnahe. Sie achtete nicht der Schwäche, welche bisweilen sie überfiel, stand doch dasbittere: „Es muß fertig werden!" stets gebieterisch neben ihr, sie ewig anspornend undmahnend, alles Andere darüber zu vergessen.
Hunger und Noth, verbünde,: mit nicht ermüdender Thätigkeit, hatten dahin gewirkt,das sonst so Willensstärke Mädchen zu übermannen. Mit Hülfe des Castellans brachteder fremde Herr es in eine auf sein Geheiß herbeigeholte Droschke und fuhr mit derbleichen, jetzt wieder zum Bewußtsein gekommenen Hildegard durch die belebten Straßender großen Stadt, bis sie in jene Gegend kamen, wo die Gassen immer enger undweniger einladend wurden und oft neugierige Blicke in's Innere des Wagens zu dringenversuchten, denn die Bewohner dieser Gegend von Hamburg waren nicht gewohnt, andereFuhrwerke als Arbeitswagen in ihrer Nachbarschaft zu sehen. Der Beschützer Hildegard'sklopfte dem Kutscher zu halten, stieg dann aus und nannte ihm die genaue Adresse;dann wandte er sich zu dein jungen Mädchen und sagte eindringlich:
„Nun bitte ich aber, daß Sie sich schonen und nicht mehr über Ihre schwachenKräfte arbeiten. Sie werden mir erlauben, mich nach Ihnen zu erkundigen."
Ehrerbietig lüftete er den Hut, und der Wagen rollte davon, noch ehe Hildegardim Stande war, ein Wort zu erwidern.
„Schonen?!" wiederholte sie mit bitterem Ausdruck und unter Thränen der Schwäche,die ihr unbewußt über die Wangen perlten. „Schonen soll ich mich — und das Bildmuß noch in dieser Woche fertig werden, soll unser Elend nicht die äußerste Grenzeerreichen!" —
Gewaltsam sich zusammennehmend, faßte sie mit erzitternder Hand nach der Stirn.Sie wollte all' die auf sie einstürmenden Gedanken mit Gewalt zurückdrängen, wolltenicht krank oder schwach vor den Vater hintreten, sein Leid, seinen Jammer nicht durchdie Wahrnehmung erschweren, daß auch sie körperlich, ja daß sie materiell litt, nicht seinUnglück vermehren durch die Sorge um seine Tochter.
Der Wagen hielt, Hildegard stieg aus. Sie beachtete nicht die höhnischen Blicksund Reden der Nachbarsleute, mit denen diese ihr Erstaunen auszudrücken bemüht waren,daß die „Pinseldame" -— diesen Beinamen hatte man Hildegard gegeben — den Wegnicht mehr zu Fuß machen könne und noch Geld genug habe, um in einer Droschke zufahren. Nicht der geringste Theil ihres Leids bestand für Hildegard darin, unter diesenMenschen leben zu müssen; eS war ihr unmöglich, so mit ihnen zu verkehren, wie sieunter sich es thaten; ein Tag sich beschimpfend und zankend, am nächsten wieder als diebeste:: Freunde. Sie war stets freundlich gegen alle ihre Nachbarn, vermied jedoch jedennäheren, intimeren Verkehr und namentlich alle müßige Unterhaltung, und eben diesesZurückhalten war es, was die Leute verdroß und sie dahin brachte, Hildegard den e-pitz-