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Namen „Pinselmadame" oder „Pinseldame" beizulegen, sobald sie erfahren, baß das'unge Mädchen Bilder male, statt durch „ehrliche Arbeit, wie Waschen, Bügeln, Nahenoder dergleichen, ihr Brod zu verdienen. Die boshafte Menge ahnte ja nicht, wie vielfür das arme junge Mädchen Ehrendes in dem „Spottnamen" lag, den man HildegardLecker beigelegt hatte! —
„Ah! Fräulein Hildegard, Sie sehen so blaß aus — sind Sie krank?" fragte diemitleidig herzutretende Krämersfrau, welche allein sie gegen all' die hämischen Angriffelertheidigte und immer sagte, sie sei besser als all' die Uebrigen, welche in der Straßevohnten, und daß man doch ihren Kummer und ihre Sorgen nicht unnöthig vergrößern,-aß man sie ganz in Ruhe lassen möge.
Hildegard richtete einen dankenden Blick auf die brave Frau und wankte, auf derenArm gestützt, nach dem kleinen Laden. Dort ließ sie sich, unfähig ein Wort zu sprechen,auf den einzigen Stuhl sinken, der sich da befand.
„O mein Gott! liebes Fräulein, Sie sind sehr krank!" rief nun Frau Mewissen,ie Krümersfrau. „Wahrscheinlich haben Sie wieder einmal Nichts gegessen heute früh;ra, warten Sie, ich habe noch schönen warmen Kaffee im Ofen!"
Geschäftig lief die gutmüthige Frau nach dem großen Kachelofen im Hinterzimmermd brachte Hildegard schnell eine Tasse des dampfenden, in Hamburg meist sehr gutbreiteten Getränks; dann legte sie Schwarz- und Weißbrod und Butter auf den Tischmd bat das junge Mädchen so dringend, herzhaft zuzulangen, daß Hildegard auch ihrerAufforderung entsprach, indem sie den Kaffee wenigstens trank, das Brod jedoch un-erührt ließ. »
„Ihr Kranksein, Fräulein, kommt nur von Hunger und Schwäche, weil Sie desNorgens fast immer fortgehen,, ohne irgend Etwas genossen zu haben. Sie werden sichloch ganz von Kräften bringen, wenn Sie das nicht ändern", meinte Frau Mewissen.
Etwas erholt stieg Hildegard nun in die engen, knarrenden Stufen der dunklenLreppe hinan, oft nach Athem ringend, bis sie endlich die vier steilen Treppen erstiegenatte. Oben öffnete sie die Thür zu einer kleinen Hinterstube. Obwohl dies Zimmerehr klein war, hatte es doch Raum genug, um das Wenige, was sich in demselbeniefand, zu bergen. Wie rein und ordentlich es hier auch aussah, es war doch ein An-blick größter Armuth, der dem Eintretenden sich bot.
Non einem alten, aber immerhin noch bequemen Lehnstuhl, dem einzigen Ueber-ckeibsel aus besserer Zeit, erhob sich eine hohe, doch gebeugte Gestalt, und wandte einchmales, eingefallenes, mit langem schwarzem, schon stark grau untermischtem Haar undHart umwalltes Gesicht sich der Thür zu.
„Du bist es schon, Hildegard? — Du bist doch nicht schon fertig mit „Tizian'srochier?" —
„Ach nein, Vater, noch nicht; aber es ist so ein dunkles, nebeliges Weiter heute,>nd bei der matten Beleuchtung mußte ich mich so anstrengen — ich konnte die Farben-one nicht mit Sicherheit bestimmen — es schwindelte mir vor den Augen und — ichvnnte nicht weiter arbeiten! — Ich muß heute ausruhen, Vater — bis morgen früh,mnn werde ich wieder mit erneuter Kraft arbeiten — und dann ist das Bild auch bald
'rüg und wir werden für lange Zeit vor Mangel geschützt sein." —
„Deine Stimme zittert, Kind, Du fühlst Dich doch nicht ernstlich krank?" —
Besorgt trat der arme blinde Vater auf sein Kind zu und tastete nach Hildegard's
leichem, schönem Haupte, prüfend die Hand auf die Stirn des jüngen Mädchens legend.
„Dein Kopf brennt, Du bist krank, Hildegard! — Mein armes, liebes Kind, auchHu wirst noch dem Elend erliegen!"
Mit dem Ausdruck des höchsten, bittersten Schmerzes hatte der arme Mann ge-brochen; in Verzweiflung die Hände ringend fuhr er fort:
„Und ich, der ich ganz unnütz nur Euch das Leben erschwerend hier bin, ich lebe,