Ausgabe 
(13.10.1880) 30
 
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mich übermannt nicht das Elend und erlöst mich und Euch von meinem qualvollenDasein!"

O sprich nicht so, Vater!" flehte Hildegard unter unaufhaltsam hervorbrechendenThränen, und ihre Arme um den Hals des Blinden schlingend.Es wird ja baldbesser werden; nur noch einige Tage der Arbeit, dann ist das Bild fertig, und ich glaube,es wird den Beifall der Frau Senatorin finden. Sie hat mir versprochen, das; sie mirdurch ihre Bekannten noch weitere lohnende Aufträge verschaffen werde, wenn dieTochterTizmn's" gefällt. Ich habe mein Möglichstes gethan; Freund Krelle war gestern in derKunsthalle, er ist zufrieden sehr zufrieden gewesen mit meiner Arbeit, und Du weist,Vater, er ist streng in seinem Urtheil."

Mein gutes Kind!" erwiderte gerührt der blinde Künstler, indem er einen innigenKuß auf die Stirn des jungen Mädchens drückte, welches sich zärtlich an ihn schmiegte.Um Deinetwillen freue ich mich der guten Hoffnung, denn dann können wir fortziehenaus dieser elenden Gegend, wo man unser Unglück verspottet und verhöhnt, weil wir esertragen ohne dieser rohen Menge die Ohren vollzu klagen. Wenn wir erst eine andereWohnung haben können, wo wir in guter, frischer Luft leben, dann wirst Du auchwieder gesund und froh werden. Wie muß ich doch Gott danken, einen solchen Schatzin meinem Kinde zu besitzen! Ich bin noch nicht ganz unglücklich so lange ich Dichhabe, Hildegard!"

Sie hatte sich eine breite Schürze vorgebunden und begann die Vorbereitungenzum Mittagsmahl zu treffen. Sinnend hielt sie bisweilen inne, und ein glücklichesLächeln erhellte dann ihre Züge. Sie dachte an den fremden Herrn wie besorgt umsie er gewesen, wie tactvoll er gehandelt. Er hatte sie nicht dem hämischen Geschwätzder Nachbarn aussetzen wollen und sie deshalb nicht bis zu ihrer Wohnung begleitet.Und woher wußte er denn eigentlich ihre Wohnung? Sie selbst hatte er nicht danachgefragt, sie sie ihm auch nicht genannt ..... Mit freudigem Gefühl muße sie sichdiese Frage dahin beantworten, daß er sich mit ihr beschäftigt, nach ihr geforscht habenmüsse.

(Fortsetzung folgt.)

Dulcigno.

Unter der Riesenplatane bei Dulcigno , wo sonst Arme und Reiche des Städtchensihre Siesta zu halten pflegen, wird es jetzt recht lärmend und kriegerisch aussehen. Dortwird ohne Zweifel Kriegsrath gehalten, dort werden die Häupter der Liga dein anwesendenVolke Reden halten und ein ermunterndes Kriegslied nach den: andern wird dort ertönen.Die Stimmen der Herolde", so beginnt eines der beliebtesten und ältesten Kriegslieder,verstärkt durch das Echo im tiefen Thalgrunde und auf der hellen Höhe, rufen euchHelden zum Kampfe! Eilt herbei alle, ihr stolzen und furchtlosen Männer, die Ihr denstets mit Ruhm und reicher Beute geschmückten heimatlichen Herd vertheidigen wollet...Also dringt ein nach Montenegro, ihr Löwen von Skutari, Vorwärts, ihr Maljisoren(Gebirgsbewohner), meine getreuen Söhne und Krieger! Macht, daß die Ungläubigenund Treulosen blutige Thränen weinen und daß der Tod Mahmud Paschas tausendfachgerächt werde." Heute gilt es allerdings nicht, den Tod eines Paschas zu rächen, abermit um so größerer Begeisterung wird der altbewährte Ruf, nach Montenegro einzudringen,in allen Reihen der Liga aufgenommen werden. Die alte Ruine inmitten der Citadellevon Dulcigno , dieser durch örtlichen Aberglauben unantastbar gewordene Ucberrest einesuralten Bcobachtungsthurmes, vernimmt nicht das erste Mal wüsten Kriegslärm, seitdemdas kleine Hafenstädtchen durch eine verirrte Colonie der schwarzen und kraushaarigenKolcher gegründet wurde. Rom entriß Dulcigno (Colchinium) den Jllyriern nach demTode ih-res letzten Königs Gentius, und dann ging der Ort, wie das gesamte ehemaligeJllprien, aus einer Hand in die andere. Bald waren die Römer, bald die Bmantiner,