Ausgabe 
(13.10.1880) 30
 
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bald die Serben ober Venetianer, endlich sogar einmal auch die Ungarn die Herren desKüstenstriches und Städtchens von Dulcigno . Nach dem Sturze des byzantinischen undserbischen Reiches unterwarf sich Dulcigno 1420 freiwillig den Venetinncrn und blieb150 Jahre in ihrem Besitz, bis sich im Jahre 1571 die Türken des Ortes bemächtigten.Lange hielt sich die heldenmüthige, aus Italienern und Franzosen bestehende Garnisonunter dem Venetianer Martinengo, aber die Uebermacht der Strcitkräfte Achmed Pascha's,die Dulcigno zu Land und zur See eingeschlossen hatten, zwang die Besatzung zurCapitulation. Achmed Pascha bewilligte den Abzug mit Hab und Gut, aber nachdemdie Capitulationsurkunde unterfertigt war, sielen die Janitscharen über die wehrloseBesatzung und Bevölkerung her, und in wenigen Stunden war Dulcigno ein Opfer derPlünderung und der Flammen. Martinengo entkam zur Noth mit zwölf Genossen aufeiner Barke, und wer nicht den Glauben der Väter abschwören wollte, mußte in dieBerge bei Skutari fliehen. Was in Dulcigno blieb, mußte sich zum Islam bekehren,und da die Dulcignoten stets berühmte Seeleute gewesen, mußten sie als Matrosenin den Dienst des Padischah treten. So manchen Kapudan-Pascha (Admiral) hat Dulcignoder türkischen Kriegsflotte geliefert.

Die venetianische Republik, den maritimen Werth Dulcignos erkennend, versuchte1696 diese Hafenstation der Türkei zu entreißen. Der Senat entsandte einen der ältestenAdmiräle, Geronimo Delphins, und in kurzer Zeit hatten die Venetianer sechs Breschenin die Festungsmauern an verschiedenen Stellen gelegt. Aber gerade im Augenblickedes Sturmes eilte der Pascha von Skutari mit 5000 Infanteristen und 600 Pferdenherbei, und Delphino sah sich genöthigt, die Belagerung aufzugeben. Zum letztenMal versuchten die Venetianer im Jahre 1722 die Eroberung von Dulcigno , aber dermittlerweile zwischen der Pforte und der Republik abgeschlossen; Friede führte zur Auf-hebung der langwierigen Belagerung. Am 17. Januar 1878 eroberten die Montene-griner unter dem Wojwoden Plamenaz Dulcigno, aber nach den Bestimmungen desBerliner Friedens mußten die Montenegriner die Stadt räumen, die sie jetzt nach demBeschlusse der Mächte sich wieder nehmen sollen.

Von dem Augenblicke an, da Dulcigno unter türkische Herrschaft gerieth, wurde eseines der gefürchtesten Piratennester des adriatischen und mittelländischen Meeres. DieReeder und Agas von Dulcigno , die damals über ein halbes Tausend Schiffe verfügten,gehörten immer zu den reichsten Bewohnern Nord-Albaniens , und sie unterhielten einen,Vertreter in Stambul, welcher die Seeräuber von Dulcigno bei der Pforte wie beimSultan durch zeitgemäße Geschenke in Gnaden zu erhalten hatte. Der Pascha vonSkutari war nicht weit, dem war also gelegentlich leicht beizukommen, und so kam es,daß die Dulcignoten trotz der Beschwerden Europa's und trotz der Befehle der Pforteihr räuberisches Handwerk noch bis vor fünfzig Jahren treiben konnten. Beschwerte sichirgend eine Macht, so vorzugsweise England , über einen Naubzug, dann erhielten dieDulcignoten so rechtzeitig ein Aviso, daß jeder Befehl des Sultans oder des Gouverneurs,denadriatischen Barbarisken" etwas anzuthun, zu spät kam, oder infolge eines wohl-bezahlten Mißverständnisses nicht zur Ausführung gelangte. Erst zur Zeit, da SuleimanPascha Gouverneur in Skutari wurde, zu dessen Bestechung die Freigebigkeit der Dul-cignoten nicht mehr hinreichte, wurde deren gerade im Hafen von Val di Noce ankerndeFlotte plötzlich überfallen, und in Brand gesteckt. ° Von der Zeit an verfiel die Marinevon Dulcigno immer mehr und erst seit zwei Jahrzehnten hebt sich dieselbe wieder undzählt heute vielleicht 220 Küstenfahrzeuge, von denen jedoch keines mehr als einen Gehaltvon 200 Tonnen haben dürfte. Es ist selbstverständlich, daß sich heute keines von diesenFahrzeugen im heimathlichen Hafen befindet, sondern daß sie sich mit dein häuslichenHab und Gut, soweit dies transportabel, nach den nächsten Hafenstädten in der Avriabegeben haben.

Von der See aus betrachtet, bietet Dulcigno einen überraschenden Anblick dar undsieht sogar einer kleinen Festung ähnlich, ohne eine solche zu sein. Selbst wenn die

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