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Wälle und Bastionen in einem besseren Zustande wären, als der ist, in dem sie sich heutebefinden, hätte die Festung keine Bedeutung, da sie von den umliegenden Höhen vonMuschura und Golenza vollkommen eingesehen wird. Innerhalb der Festungsmauernbefindet sich die alte und eigentliche Stadt, ein Conglomerat von etwa 100 echt tür-kischen Häusern und Häuschen, zwischen denen sich krumme, steile und elend gepflasterteGäßchen hindurchziehen. Einige Gebäude sind einstöckig, gewähren eine herrliche Aus-sicht nach der See und sind in der Regel das Eigenthum der reicheren Familien desOrtes. In der südlichen Bastion des Festungswalles findet man noch die Ueberresteeiner alten, der Mutter Gottes geweihten Kathedrale; was noch davon an Sculpturenwie Basreliefs an Ort und Stelle oder in den Festungsmauern vorhanden ist, weist durchseinen byzantinischen Charakter aus eine frühzeitige Entstehung dieser ehemals katholischenKirche hin. Inmitten der alten Stadt bestand ehemals ein hoher quadratischer Thurm,der offenbar als Signal- und Observationsthurm diente und den die Türken in einenUhrthurm verwandelt haben. Im Jahre 1845 zerstörte der Blitz diesen Thurm undheute steht nur eine die Vorübergehenden bedrohende Ruine an dieser Stelle. Trotz derwiederholten Befehle der Paschas in Skutari wollte bisher noch Niemand etwas zur weiter»Zerstörung dieser Ruine beitragen, denn der allgemeine Aberglaube versichert, daß jedereines plötzlichen Todes stürbe, der Hand an diese Ruine legen würde.
Während sich die Bewohner der Festung mit Cisternenwasser begnügen müssen,besitzt die Vorstadt mehrere Brunnen, darunter einen von den Türken erbauten, unmittelbarzwischen der Festung und der Mahala. Die heute 600 Häuser und 3500 fast durchausmohamednnische Bewohner zählende Vorstadt ist so ziemlich erst unter der Türkenherrschaftentstanden. Die Häuser sind an den Hängen wie dein Seespiegel zunächst vertheilt undgewähren von der See aus gesehen ein freundliches amphitheatralisches Gesammtbild.In der Mitte der Vorstadt befindet sich ein etwa 200- Boutiquen zählender Bazar, andessen Ende und der Riva zunächst ein großer vierseitiger Brunnen, welcher hauptsächlich"die ankommenden und absegelnden Schiffe mit. gutem Trinkwasssr versorgt. Diesen: an-geblich von dei: Venetianern erbauten Brunnen zunächst steht die Eingangs erwähnteRiesenplatane, wo sich nach den: Mittagsmahl und des Abends die Bewohner vonDul-cigno und die mit den Küstenfahrzeugen angekommenen Fremden bei schwarzem Kaffee,Tschibuk oder Nargileh ein Plauderstündchen gestatten. Die durch ihre besondere Schön-heit weit und breit berühmten Frauen von Dulcigno dürfen natürlich daran nicht Theilnehmen und genießen, wie die Frauen jeder andern orientalischen Stadt, nur die Freudenund Intriguen des Harems.
Verläßt man Dulcigno in der Richtung gegen Skutari, so begegnet man außerhalbder Vorstadt, wie bei so vielen albancsischen Orten, einer Gruppe von etwa 100 niedrigenStrohhütten von quadratischer und konischer Form, in denen etwa 1200 Zigeuner lebenund sich mit Schmiedearbeitei:, Pfcrdehandel, zur Abwechslung auch mit Bettelei undDiebstnhl beschäftigen. Rechnet man diese Nomaden, die in der jetzigen ernsten Zeitdas Weite gesucht haben dürften, ab, dann zählt Dulcigno im besten Falle 3500 alba-nesische Einwohner, um deren „Befreiung" sich ganz Europa echauffirt, eine kostspieligeund gefährliche Flottenkundgebung veranstaltet hat.
Die Bevölkerung von Dulcigno beschäftigt sich vorzugsweise mit Fischfang undTransportschifffahrt nach den verschiedensten Küstengebieten des avriatischen Meeres. —Ohne irgend welche theoretische Kenntnisse wagen doch die Dulcignoten die weitesten undgefährlichsten Fahrten, ja, was noch mehr ist, sie bauen sich ihre leichten und solidenSchiffe selbst und gleichsam aus freier Hand, da sie nicht lesen und schreiben können,also auch keinen Bauplan anzulegen oder auszuführen in: Stande sind. Wie viel eineBarke zu tragen vermag, wie tief sie taucht, das erfährt der Schiffsbauer von Dulcigno erst dann, wenn er den Stapellauf vollzogen hat. Die Küstenschiffsahrt zwischen Nord-Albanien und Apulien und längs der albnnesischen Küste von Dulcigno bis Valona istzum größten Theil, der Handel gewisser Artikel, so z. B. des Seesalzes, fast ganz in