Ausgabe 
(16.10.1880) 31
 
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Hildegard.

Crimmal-Novelle von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Die kluge Krämersfrau hatte es dem jungen Mädchen verschwiegen, daß ein feinerjunger Herr sich nach ihr erkundigt; sie hielt es nicht für gerathen, dem arglosen Mädchendavon zu sprechen.

Du bist so still, mein Kind?" unterbrach jetzt Hildegard's Vater die Reflexionender Tochter. Sie erröthete, durch des Vaters Worte in die Gegenwart zurückgerufen,heftig.

Laute Schritte enthoben sie der Antwort. Die Stubenthür ward rasch geöffnet,und ein Knabe von vielleicht zehn Jahren trat ein. Es war ein schlanker, hübscher,braunlockiger Bursche. Mit den feinen Zügen Hildegard's verband sich bei ihm der Aus-druck eines festen, energischen Willen, der schon jetzt dem kindlichen Gesichte einen fastmännlichen Charakter ausdrückte. Er legte die Mappe mit den Schulbüchern auf einenkleinen Tisch in der Ecke des Zimmers, ging dann zu dem blinden Vater, und diesenzärtlich küssend, erzählte er voll freudigen Stolzes, wie er heute durch den Direktor des'Gymnasiums belobt worden, und daß er mit Bestimmtheit in die höhere Klasse bei derder Versetzung aufrücken werde.

Zärtlich den Lockenkopf seines jüngsten Kindes streichelnd, hörte der Vater diesenBericht an. Ein Glück konnte der arme Mann trotz allen Leids, das ihn getroffen,sein nennen, ein Glück, um das so mancher Reiche ihn beneiden mußte; er hatte sichgute, liebe Kinder erzogen, die ihm nur Freude machten; und dieses Glück war großgenug, ihn sein Leid oft vergessen zu lassen.

Aber nun bin ich auch hungrig, Hildegard!" rief darauf Ernst so hieß dervielversprechende Knabe und sah mit freudigem Erstaunen, daß die Schwester einedampfende Schüssel mit für ihn verführerisch duftender Suppe auf den, wenn auch ärmlich,so doch reinlich gedeckten Tisch setzte.

Suppe oh, das ist famos!" rief Ernst, in die Hände klatschend.Ich glaubte,es gäbe heute nichts Warmes, weil Du länger fortzubleiben vorhattest, Hildegard."

Mit einem Appetit, wie ihn nur der wirklich Hungrige kennt, ward die Suppen-schüssel geleert. Geräuschlos ordnete dann Hildegard wieder Alles in dem kleinen Zimmer,dann setzte sie sich zu ihrem Vater, mit einer Näharbeit beschäftigt, die sie, um sich ihrerkenntlich zu zeigen, der guten Frau Mewissen im Laden unten abgenommen hatte.Ernst las mit Heller, wohlklingender Stimme und vielem Verständniß dem Blinden dieZeitung vor, welche sein Freund Krelle, Hildegard's Lehrer, ihm regelmäßig brachte;wenn sie dann auch schon einige Tage älter nar, als das Datum, welches sie trug,so gewährte sie dem blinden Künstler nichts desto weniger doch die einzige Zerstreuungund den alleinigen Ableiter von dem dumpfen Hinbrüten, das sich sonst seiner zu be-mächtigen drohte.

Schon dämmerte der Abend herein, als wieder Schritte draußen der Thür sichnäherten und unmittelbar darauf ein kräftiges Klopfen sich hören ließ.

Hildegard erbebte. Es war gut, daß Niemand die jähe Nöthe bemerken konnte,welche plötzlich ihr Gesicht überzog. Die Augen nach der Thür gerichtet, erwartete siemit Herzklopfen, daß diese sich öffne.

Und sie öffnete sich auf Herrn Becker's lautesHerein!" allein zu Hildegard'sgrößter Enttäuschung. Wie unwillig wandten ihre Augen sich ab von dem Eintretenden,und ein Schatten des Mißmuthes flog über ihre Züge.

Guten Tag, Herr Becker, guten Tag, mein liebes Kind!" erklang eine etwasrauhe, wenig sympatische Stimme, und mit widerlicher Freundlichkeit auf dem rothen,aufgedunsenen Gesicht wandte der Ankömmling sich zu Hildegard und ergriff mit seinerfetten, rothen Hand die zarte, weiße des jungen Mädchens, mit der andern den VersuchNd, ihr Kinn zu streicheln.