Ausgabe 
(16.10.1880) 31
 
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Verletzt erhob sich Hildegard und flüchtete sich hinter des Vaters Lehnstuhl.

Ohne alle Umstände setzte der Besucher sich auf den noch eben von Hildegardeingenommenen Platz, dem blinden Maler gegenüber. Er war ein Mann am Ende derDreißig, mit einen: großen, dicken Gesicht, aus dem ein Paar große, graue, stechendeAugen wie lauernd hcrvorsahen; seine Kleidung war etwas veraltet, doch sonst tadellos,eine dicke goldene Uhrkette hing prahlerisch über der Weste, und schwere Ringe glänztenan den dicken rothen Fingern. Seine ganze Erscheinung machte einen unangenehmenEindruck, den ein gewisses selbstbewußtes Auftreten noch vermehrte.

Na, Herr Becker, wie geht's? Eigentlich komme ich, um mich nach dem Be-finden der Mamsell Tochter zu erkundigen, denn ich hörte vom Castellan , daß sie heuteMorgen in der Halle krank geworden und vor der Zeit nach Hause zurückgekehrt sei ausdiesem Anlaß. Kein Wunder", fuhr Herr Schramm, Jnspector der Kunsthalle, fort,indem er das junge Mädchen zärtlich-verliebt anblinzelte,kein Wunder, wenn manhungert und dabei so fleißig und unermüdlich arbeitet, da muß ja ein so zartes Figürchenkrank werden und endlich d'auf gehen!"

Zornige Nöthe stieg auf in dem bleichen, schmalen Gesicht des Malers über dieseindiscreten, rohen Worte; doch er kämpfte den Zorn nieder und entgegnete kalt ver-weisend:

Wir haben, Dank Hildegard's Fleiß, noch nicht zu hungern gebraucht, und wenndem auch wirklich so wäre, so Hütte doch Niemand das Recht, uns zu sagen, daß wirdarben! Wir selbst wissen am besten, wie es um uns steht, Herr Jnspector!"

O, es war ja so bös nicht gemeint, Herr Becker! Wer wird denn gleich soempfindlich sein!" begütigte Herr Schramm.

Was führt Sie zu uns, Herr Jnspector!" fragte Becker kurz. Auch ihn: schiender Besuch dieses Mannes keineswegs angenehm zu sein.

Jnspector Schramm rüuspertcrte sich kurz und zog ein buntes seidenes Taschentuchhervor, das er verlegen zwischen den Händen drehte; endlich aber schien er sein gewohntesSelbstbewußtsein wiedergefunden zu haben und antwortete:

Sie wissen, Herr Becker, daß meine Stellung eine gute ist, auch daß ich ein kleinesVermögen mir erspart habe; das Haus, welches ich bewohne, gehört mir, mein Haushaltist gut und gediegen eingerichtet, und es fehlt mir nur Eins . ..."

Herr Schramm hielt in der Aufzählung seiner Vorzüge inne, seine letzten Wortehatte er zögernd gesprochen, und sein lauernder Blick ruhte auf Hildegard's Gesicht, wieum den Eindruck zu beobachten, den die Darlegung seiner materiellen Lage auf dasjunge Mädchen machen würde. Ihre Augen waren indessen auf ihre Arbeit gesenkt, undsie nähte so gleichgültig weiter, als berühre, was sie gehört, sie gar nicht.

Es fehlt mir nur eine Frau", fuhr der Jnspector fort, ohne das Erstaunen,welches sich auf dem Gesicht des Blinden malte, zu beachten oder beachten zu wollen.Mamsell Hildegard hat es nur angethan, und ich bin deshalb gekommen, um ihr meineHand anzubieten."

Mit hohem, stolzem Selbstbewußtsein hatte er die letzten Worte gesprochen, undbefremdet schaute er in die nichts weniger als freudig bewegten Züge des jungen Mädchens,welches ihn nur auf eines Momentes Dauer schweigend, kalt und gleichgültig angeblickthatte.

Sichtlich überrascht, wußte Becker anfänglich nicht, was er erwidern sollte; dannaber antwortete er ernst und, wie es schien, bewegt:

Ihr Antrag ehrt uns, Herr Jnspector, denn es gibt nur wenige Männer, welchesich entschließen können, ein armes Mädchen zu Heimchen. Hildegard jedoch ist einessolchen Opfers werth, und deshalb soll sie auch selbst entscheiden, ob sie Ihren Antragannehmen will oder nicht."

Na, Mamsell Becker?" sagte der Bewerber, und blickte schmunzelnd auf das ver-legene Gesicht des jungen Mädchens.