Doch nach wenigen Augenblicken schon hatte die von Haus aus allerdings sehrUeberraschte ihre Fassung widergewonnen und ohne Zögern, in klaren dürren Wortenentgegnete sie:
„Ich muß Ihnen danken, Herr Jnspector, für die Ehre, welche Sie einem armenMädchen erweisen; ich kann Ihren Antrag jedoch schon deshalb nicht annehmen, weil esunmöglich für mich sein würde, meinen Vater und Bruder zu verlassen. Sie werdenselbst einsehen, daß es für mich eine Unmöglichkeit ist, mich jetzt und unter den obwaltendenVerhältnissen zu verheirathen." —
„An das, was Sie eine Unmöglichkeit nennen", fuhr unbeirrt der Jnspector fort,„habe ich allerdings auch gedacht; indessen finde ich darin kein Hinderniß, da mein Hausgroß genug ist, um auch ihren Vater und den Kleinen zu beherbergen." -
Er hatte mit stolzem Selbstbewußtsein gesprochen und sich dabei im Zimmer um-geschaut, als wolle er hinzusetzen: auch für ihr Mobiliar habe ich noch bequemen Platz."
„Ich würde nie ein solches Almosen annehmen!" entgegnete etwas heftig Hilde-gard's Vater, noch ehe diese selbst zu antworten im Stande war.
„Pah! Almosen .... — Um ein Almosen handelt es sich nicht, wenn derGeber Ihr Schwiegersohn ist, mein lieber Herr Becker. Meine Lage erlaubt mir das/ich bin Gott sei Dank gut situirt und kann mir selbst eine kostspielige Phantasie gestatten.Darum, Mamsell Hildegard, bedenken Sie sich nicht länger und schlagen Sie ein!" —
Es läßt sich wohl annehmen, daß der Mann selbst nicht wußte, wie viel Verletzendesin diesen seinen letzten Worten lag; er Hütte sonst vielleicht mit weniger Sicherheit Hilde-gard seine Hand gereicht.
Doch das junge Mädchen erfaßte nicht die dargebotene Rechte des Jnspectors;Hildegard umschlang den Hals des Vaters, und zu ihm ängstlich aufsehend, zu ihmsprechend, sagte sie bittend:
„Laß uns so zusammenbleiben, wie wir sind, Vater! — Ich arbeite ja so gern
für Euch, meine Arbeit macht mir Freude, und ich möchte nicht an eine Aenderung denken,
Vater!" —
Tiefgerührt hielt der arme Künstler die Hände seines Kindes umfaßt.
„Ich werde Dich nie zu Etwas drängen, was Dir widerstrebt", sagte er. „Vonmeinem Kinde Opfer anzunehmen, brauche ich mich nicht zu schämen!" —
Erstaunt sah der Jnspector auf die Gruppe. Er schien es kaum fassen zu können,
daß er abgewiesen sei, er hätte nie an eine solche Möglichkeit geglaubt, denn er hielt
sich, indem er Hildegard Becker seinen Antrag machte, für den großmüthigsten, edelstenMenschen, der ohne allen Eigennutz ein armes Mädchen heirathen wollte, das ihm Nichtsmitbrachte, als einen blinden Vater und einen unerzogenen Bruder, das er nur seinerJugend und Schönheit wegen begehrte. Er war vollständig verdutzt. '
Mit freundlicherem Gesicht als zuvor, sagte jetzt Hildegard zu dem abgewiesenenFreier:
„Es thut mir leid, Herr Jnspector, doch Sie müssen einsehen, daß wir drei unser !Verhältniß nicht ändern können. Ein Mädchen wie ich darf nicht so bald daran denkenzu heirathen." —
Geräuschlos erhob sich der so vollständig Enttäuschte und griff nach seinem Hut.Aerger und gekränkte Eitelkeit drückten sich auf seinem Gesicht zur Genüge aus, undseinen Zorn nur mühsam unterdrückend, sagte er:
„Dann kann ich mich ja empfehlen. Ich wünsche nur, Mamsell Becker, daß Siedie Zurückweisung meines Anerbietens nie bereuen mögen — Adieu!" —
Der Jnspector ging.
Als sein Tritt auf der Treppe verhallt war, sagte Hildegard, sich zärtlich an denVater schmiegend, zu diesem:
„Vater, ich hätte nie seine Frau werden können! — Verzeih', daß ich Dir undErnst dieses Opfer nicht bringen konnte; Dein Leben wäre ruhiger und sorgloser geworden,