Ausgabe 
(16.10.1880) 31
 
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doch Dein Kind hätte nie glücklich werden können, denn ich verabscheue den Mann undhabe ihn das oft genug fühlen lassen, so daß er sich diese Niederlage hätte ersparenkönnen."

Du hast recht gehandelt, meine gute Hildegard", erwiderte zärtlich der Blinde.

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Am andern Morgen in aller Frühe schon saß Hildegard wieder an ihrer Arbeitin der Kunsthalle. Ihre bleichen Wangen hatten sich in Folg? der durch die bald beendeteCopie hervorgerufenen Erregung leicht geröthet; gewandt und sicher führte sie den Pinsel.Ruhig ivar es um sie her, und kein Ton, kein Geräusch störte ihre Einsamkeit.

Es mochte gegen zehn Uhr, also etwa eine Stunde vor Eröffnung der Galeriesein, als aus der Entfernung, jedoch deutlich als im Gebäude erkennbar, eine rauhe, ihrnur zu wohlbekannte Stimme sich hören ließ und das junge Mädchen veranlaßte, in derArbeit innezuhalten.

Die Stimme war die des JnspectorS Schramm. Daß der Mann sie hier, zu einerreglementswidrigen Zeit finden sollte, war Hildegard, namentlich nach den Vorgängendes gestrigen Tages, höchst unerwünscht; unwillkürlich hatte sie ihr Arbeitsgerath inihrem Malkasten zu bergen begonnen, erhob sich von dem kleinen Schemel, rückte leisedie Staffelei in einen Winkel, kehrte das Bild um und machte sich fertig, die Galeriezu verlassen.

Schwere Tritte näherten sich dem kleinen Zimmer, in welchem Hildegard sich befand;im Nebenzimmer hielten sie an, und die Künstlerin hörte, wie der Jnspector einigenihm folgenden Arbeitern die Weisung gab, ein großes Bild aus seinem Zimmer in dengroßen Saal zu schaffen, um den so erlangten Platz mit kleineren Bildern, neuen Er-werbungen, zu füllen.

Jeden Augenblick konnte er in das kleine Zimmer treten, in welchem sie sich auf-hielt; sie wußte auch, daß er ihr alsdann verbieten würde, in Zukunft vor 11 Uhr inder Kunsthalle zu arbeiten, und das glaubte sie um jeden Preis verhindern zu müssen.Leise legte sie Hut und Shawl an, nahm ihre Mappe unter diesen letztern und eilteunhörbar durch ein anderes Seitenzimmer in entgegengesetzter Richtung der großen Treppe§u, um durch die Castellans-Wohnung in's Freie zu gelangen.

Ungesehen glaubte sie ihren Rückzug bewerkstelligt zu haben und athmete erleichtertauf, als sie in den die Kunsthalle umgebenden Anlagen Hinschritt, in denen sie bis zurofficicllcn Eröffnung der Galerie zu promeniren beschloß.

Noch zwei Tage fleißiger Arbeit, und das Bild wird fertig sein; dann wird einebessere Zukunft für uns beginnen", sagte sich glücklich die junge Künstlerin. Sie be-rechnete in Gedanken, wie viel ihr noch übrig bleiben würde von dem Gelde für dieTochter Tizian's", nachdem sie alle die kleinen Rechnungen bezahlt und die nothwendigstenBedürfnisse für den Winter angeschafft haben würde, und so groß erschien ihr die ver-sprochene Summe, daß sie dankerfüllt den Schöpfer pries, der ihr die Fähigkeit verliehen,so für ihre Lieben sorgen und arbeiten zu können.

Da schlug es elf, und eiligst kehrte sie zurück an ihre Arbeit, um nicht noch mehrder kostbaren Zeit zu verlieren. Und wieder war sie unermüdlich thätig, bis sie aber-mals den Schritt des fremden Herrn zu erkennen glaubte und sie nicht umhin konnteaufzublicken, da er ihr denn Aug' in Auge gegenüber stand.

Wie befinden Sie sich heute, mein Fräulein?" fragte er freundlich bescheiden.Schon wieder so fleißig gewesen? Sie sollten sich doch mehr schonen!"

Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Theilnahme. Diese Copie ist ja nun baldfertig", erwiderte zögernd, von tiefer Gluth das schöne Gesichtchcn übergössen, Hildegard.So thcilnehmcnd schauten die blauen Augen des Fremden sie an, daß sie zitternd dieihren senken mußte.

Und wenn dieses Bild vollendet ist", fragte leise, eindringlich der junge Mann,