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„wollen Sie dann wohl kür mich auch ein Bild covircn — jenen „Murillo" dort . .
— Hier stockte der Fremde. Er hatte, einen Schritt zurücktretend, sich umgeblickt undfand den „Murillo" nicht mehr auf dem gewohnten Platze. „Nun, er scheint einenandern Platz erhalten zu haben, doch sie kennen ihn ja, mein Fräulein; er ist eine derPerlen unserer Galerie. ... — Wollen Sie diesen „Murillo" für mich copiren "
„Gewiß — recht gern!" erwiderte zögernd und erröthend Hildegard. „Doch wirdIhnen meine Arbeit genügen können?"
Ich würde Sie sonst nicht darum bitten. Ich mache nur eine Bedingung, meinFräulein, und deren Erfüllung müssen Sie mir zusagen: Sie müssen mir versprechen,sich Zeit zu lassen! — Darf ich Ihren Herrn Vater besuchen, um mit ihm das Geschäft-liche zu besprechen?"
Hildegard bejahte diese Frage.
„Nun gut", fuhr der Fremde fort; „so werde ich sogleich zu ihm gehen. Adieu,mein Fräulein!"
Sich achtungsvoll verbeugend, verließ er das junge Mädchen. Im anstoßendenZimmer begegnete er dem Jnspector und fragte ihn, welchen Platz der kleine „Murillo"erhalten, welcher bisher in dem kleinen Zimmer, in dem Fräulein Becker sich befand,seine Stätte gehabt.
„Der „Murillo" ist nicht fortgenommen worden", entgegnete der Jnspector höflich;„überhaupt ist hier gar nichts geändert."
„Er ist aber nicht mehr hier", sagte der sich für das Bild lebhaft interessirendeHerr; „ich bitte Sie, sich selbst zu überzeugen: er ist nicht mehr auf der Stelle, wo ergestern noch war. Ich möchte eine Copie dieses „Murillo" anfertigen lassen."
Erstaunt und neugierig trat der Jnspector, Hildegard gänzlich ignorirend, in daskleine Zimmer und stutzte, als er den leeren Platz sah, auf dem er noch gestern den„Murillo" gesehen hatte.
„Da muß ich gleich 'mal nachfragen", sagte er ganz bestürzt, „ob vielleicht einerder Arbeiter irrthümlich das kleine Bild fortgenommen und anders wohin gebracht hat.
-— Aber das ist ja doch gar nicht denkbar", fuhr er nach kurzem Besinnen fort; „ichhabe die Leute doch heute Vormittag unter meiner directen Aufsicht im anderen Zimmerdie wenigen Veränderungen, welche nothwendig geworden, vornehmen lassen. — Ent-schuldigen Sie, mein Herr, ich muß gleich Nachfrage halten."
Der Jnspector entfernte sich.
Der Fremde verbeugte sich sehr artig gegen Hildegard und ging dann auch fort.
Das junge Mädchen arbeitete ruhig weiter und achtete nicht auf die finstern Blickedes wieder und wieder ihr Zimmer passirenden Jnspectors.
Bald begann ein unruhiges Umherrennen der Aufseher und Arbeiter; dann kamJnspector Schramm mit zwei Arbeitern nach dem Zimmer, in welchem Hildegard sichbefand, und fragte die Leute, wohin sie das dort fehlende und nun positiv vermißteBild gebrvcht hätten; doch die beiden Arbeiter zuckten die Achseln und erwiderten, daßsie nichts von diesem Bilde wüßten und nur solche berührt Hütten, welche der Jnspectorihnen selbst bezeichnet habe.
Alle Säle und Zimmer wurden durchsucht, doch das werthvolle kleine Gemäldewar nirgends zu finden. — Es war ein kleines, kaum einen Quadratfuß haltendesBild, sehr leicht transportabel, unter einem Uebcrzieher, einem Tuch oder Mantel leichtzu verbergen; so war denn es ganz natürlich, daß der Gedanke an eine derartige Ent-wendung sich geltend zu machen begann, nachdem ein genaues Durchsuchen aller zurKunsthalle gehörenden Räumlichkeiten sich als vollständig erfolglos erwiesen hatte.
Jnspector Schramm beeilte sich, den Director der Galerie (einen bekannten Genre-Maler) von dem spurlosen Verschwinden des „Murillo" in Kenntniß zu setzen und ließdabei Andeutungen fallen, welche erkennen ließen, daß ein bestimmter Verdacht sich seinerbemächtigt haben müsse. (Fortsetzung folgt.)