Ausgabe 
(16.10.1880) 31
 
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Die Nachtluft.

Die Aerzte sind über die Räthlichkeit, des Nachts bei offenem Fenster zu schlafen,noch keineswegs einig. Jedenfalls läßt die Frage in einzelnen Fällen gewisse Aus-nahmen und Einschränkungen zu. Reine gesunde Luft ist das erste und wichtigste Lebens-bedürfniß. Es wird sich aber fragen, ob die Nachtluft in Bezug auf Reinheit und Ge-sundheit immer eine solche ist, daß ihre Zulassung in die Schlafzimmer unbedingt unds in allen Fällen empfohlen werden kann. Gewiß ist, daß die Luft in der Nacht vielfachvon anderer Beschaffenheit ist, als am Tage, wenn sich dies auch nicht immer mit Be-stimmtheit chemisch nachweisen läßt. Schon der Einfluß des Lichtes ist in dieser Be-ziehung von großer Wirkung. Des Nachts steigen häufig allerlei Dünste und Nebel ausdem Boden auf, die sich auch durch den Geruchsinn auf eine unangenehme Weise. bemerkbar machen. In größeren Städten, wo viele Fabriken, die auch des Nachtsarbeiten, Bäckereien und Brauereien befinden, schlagen sich oft die Steinkohlendämpfenieder und erfüllen die Luft mit Kohlen- und Schwefelgasen. Ob das Athmen einersolchen Luft im Schlafe gerade besonders gesund ist, muß doch einigermaßen bezweifeltwerden. Bei Tage werden viele der Uebelstünde, welche die Nachtluft mit sich führt,durch das Licht größtentheils paralysirt.

In niedrig gelegenen Gegenden, wo Wechselfieber herrschen, kann die Nachtluftbesonders nachthcilig wirken, da sich die Sporen der Sumpffieberpflanzen nur bei Nachtin die Luft erheben, während sich die Tagesluft bei der mikroscopischen Untersuchungstets frei von diesen winzigen Pflanzenorganismen erwiesen hat. Die Erfahrung, daßdie Sumpfluft hauptsächlich des Nachts Fieber erzeugt, ist selbst den Wilden nicht^ unbekannt

! Dabei ist aber zu beachten, daß hauptsächlich die unteren Luftschichten von dem

. Krankheitsstoff inficirt sind. Vielfache Beobachtungen haben nämlich die Thatsache fest-

f gestellt, daß sich die giftigen Pflanzenspvren nur bis zu einer mäßigen Höhe in die Luft

erheben können. Daher kommt es, daß Wohnungen, die auf einer gewissen Erhöhungin Sumpfgegenden liegen, von der Krankheit verhältnißmäßig verschont bleiben. Soz. B. die Dörfer, die auf Hügeln in der Nachbarschaft der berüchtigten pontinischenSümpfe im Kirchenstaate gelegen sind. Man erklärt dies daraus, daß die mit denKrankheitsstoffen geschwängerte Luftschichte schwerer als die reine Luft sei und sich des-halb in der Nähe des Bodens verhalte. So hat man unter Anderem auch die Er-fahrung gemacht, daß das gelbe Fieber niemals in einer Höhe von 2500 Fuß, ja selbstnicht von 1500 Fuß über der Meeresfläche erschienen ist. Hochgelegene Wohnungenkönnen demnach unter Umständen einen Schutz gegen epidemische Krankheiten gewährenund in ihnen ist jedenfalls die Nachtluft gesunder als in niedriggelegenen und überhauptin niedrigen Wohnungen, z. B. in Parterrewohnungen. Dagegen ist es auch durch dieErfahrung bewiesen, daß schädliche Fieberkeime durch starke Winde mit den Dünsten inandere Gegenden geführt werden können.

Bei herrschenden Epidemien gebietet es unter allen Verhältnissen die Vorsicht, sich> so wenig als möglich der Nachtluft auszusetzen. Wir wollen in dieser Beziehung eineBeobachtung erwähnen, die der leider zu früh verstorbene österreichische Oberst v. Cornelius,ein ebenso intelligenter als liebenswürdiger Mann, uns früher mitgetheilt hat. Derselbewar während der großen Cholera-Epidemie in Galizien Commandant eines daselbststationirten CorpS. Die Seuche wüthete in der Nähe des Standorts desselben mit solcherHeftigkeit, daß ganze Ortschaften und Gegenden dadurch entvölkert wurden. Unter diesenUmstünden hatte unser Gewährsmann Gelegenheit, die Wahrnehmung zu machen, daß- Personen, die sich nach Sonnenuntergang längere oder kürzere Zeit im Freien aufhielten,regelmäßig von der Cholera befallen wurden. Dies war unter Anderem auch mit denmännlichen Mitgliedern einer Judengemeinde der Fall, welche einem nächtlichen Gottes-dienst in der Synagoge beiwohnten. Von einigen vierzig Mitgliedern blieben nur vieroder fünf verschont, die übrigen wurden sämmtlich noch in derselben Nacht von der KraM-