Nr. 32.
1880.
zur
„Äiigslmrger PostMmg."
Mittwoch, 20. Oktober
Der kluge Mnnn hält sich zurückUnd streist i»i Fluge nur das Glück;
Es immer zu erfchüpfenZiemt nur den hohlen Kopsen,
Die glauben, daü ^em HochgenußEin tiefer Fall suis folgen muß.
Mirza Schafft,.
Hildegard.
Criminal-Novelle von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Hildegard Becker hatte gegen 1 Uhr Pinsel und Palette bei Seite gelegt und sichzum Heimweg fertig gemacht. Das Verschwinden des werthvollen Bildes beunruhigteauch sie, da sie bestimmt wußte, es noch ant frühen Morgen — ehe sie sich vor demnahenden Jnspector zurückgezogen — an seinem gewöhnlichen Platze gesehen zu haben.Wo konnte der „Murillo" nur hingekommen sein? — In der kurzen Zeit ihrer Ab-wesenheit mußte er fortgenommen sein. . . .
Doch Hildegard suchte sich zu beruhigen; sie glaubte sicher, daß die Aufklärungdieses selsamen Verschwindens nicht lange auf sich warten lassen werde. Glücklich, daßihre Arbeit nun der Vollendung so nahe, ging sie — den Kopf voller Pläne — raschenSchrittes ihrer ärmlichen Wohnung zu.
Heiter, wie seit langer Zeit nicht, plauderten Vater und Tochter, denn endlich solltesich ihr elendes Dasein lichter gestalten. Der fremde Herr war bei dem blinden Malergewesen und hatte sich ihm als William Walter vorgestellt — ein Name, der in dergroßen See- und Handelsstadt einen magischen Klang hatte und als der einer der be-deutendsten und angesehensten Firmen Hamburgs Herrn Becker sehr wohl bekannt war.Außerdem war Herr Walter senior Generalkonsul einer europäischen Großmacht und seineinziger Sohn und Erbe William Vice-Consul desselben Staates und berufen, demnächstdie Würde des Vaters zu übernehmen. Der Vice-Consul William Walter hatte mitHerrn Becker ein Abkommen dahin getroffen, daß Hildegard die Copie des „Murillo"anfertige, doch nur unter der Bedingung, daß sie es mit Ruhe und Muße thue. DerPreis, den er bot, war ein hoher; ebenso bat er dringend, die Hälfte der Summe schonjetzt als Bestellgeld anzunehmen.
Die Familie Becker fühlte sich so reich, so glücklich, wie lange nicht, wie kaum jezuvor. Hildegard hatte, nachdem das bescheidene Mittagessen eingenommen war, all' diekleinen Beträge, welche zu bezahlen waren, aufgeschrieben und das Geld zurecht gelegt,doch da erst siel ihr wieder ein, daß der „Murillo", den sie copiren sollte, ja verschwundensei. ... — Sorgfältig packte sie die Geldrolle wieder zusammen; sie durfte die Ab-schlagszahlung ja nicht eher als ihr Eigenthum betrachten, ehe nicht durch Wiederauf-sindung des „Murillo" ihr die Copie desselben ermöglicht war.