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Eben erzählte Hildegard ihrem Vater von dem sonderbaren Verschwinden des werth-vollen Gemäldes, und beide ergingen sich in Vermuthungen darüber, wie dieses Cabinets-stück so plötzlich verschwunden sein könne, als Schritte und Stinimen sich auf der Treppehören ließen und bald darauf nach kräftigem Anklopfen, ohne ein „Herein" abzuwarten,die Zimmerthür sich öffnete.
Ein Polizeibeamter und ein Constabler traten ein. Draußen hatten sich Neugierigeaus dem Hause selbst und der Nachbarschaft angesammelt.
„Wohnt hier der Maler Becker?" fragte der Commissar; „und sind Sie HildegardBecker?" —
Der Beamte hatte kurz, fast streng gesprochen. Hildegard wandte sich erstauntihm zu, während der Blinde befremdet seine lichtlosen Augen den Ankömmlingen zukehrte.
„Ich bin Hildegard Becker", antwortete das junge Mädchen. „Was wünschenSie?" —
„So verhafte ich Sie im Namen des Gesetzes."
Mit unnatürlich großen, erschrockenen Augen blickte sie auf die Beamten, dann liessie zu ihrem Vater, klammerte sich an ihn an und rief:
„Hast Du gehört, Vater?! — mich will man verhaften! — Ich weiß nicht, wasdiese Leute wollen, weiß nicht, weßhalb sie mich verhaften wollen, noch wessen man michbeschuldigt! — Was habe ich denn gethan?" wandte sie sich an den Polizisten.
„Das dürfen Sie ja wohl selbst am besten wissen! — Doch wir wollen hier erstHaussuchung halten. Ist diese Stube Alles, was sie bewohnen?"
Der blinde Maler hatte sich erhoben, und seine Arme wie schützend um die zitterndeTochter breitend, sagte er ernst und ruhig:
„Mein Herr, ich bin blind. Ich weiß nicht wie ich den Irrthum, indem Sie sichbefinden, berichtigen soll, denn mein Kind ist einer That, um deren willen sie es ver-haften müßten, unfähig, ist unschuldig. Doch habe ich als Vater wohl ein Recht zuerfahren, wessen man meine Tochter anklagt und aus welchem Grunde ihre Verhaftungangeordnet wurde. Meine Tochter ist mein einziges Glück, und ich muß wissen, weßhalbman sie mir entreißt!"
Ueber die Züge des Beamten zuckte es wie menschliches Rühren; allerdings konnteer sich in weitläufige Exploitationen nicht einlassen, dazu war er weder berechtigt nochbeauftragt; indessen ward er nach den Worten des blinden Künstlers merklich höflicherund artiger und erwiderte:
„Es ist in der Kunsthalle heute ein Diebstahl verübt worden, und ein Verdachtruht deshab auf Ihrer Tochter; die Untersuchung, welche ohne Aufschub beginnt, wirdja Licht in die Sache bringen. — Jetzt aber muß ich bitten, mir die Räumlichkeiten zuzeigen, welche sie inne haben, damit ich die mir befohlene Haussuchung vornehmen kann;das Gesetz verlangt es so, und ihm müssen Sie sich fügen."
„Unsere Wohnung", antwortete gefaßt Becker, „besteht aus dieser Stube und derKammer nebenan."
„Vater, Vater! ich soll Dich verlassen?! O mein Gott, ich verhaftet?!" rief inherzzerreißendem Tone Hildegard und klammerte sich verzweifelnd an den Vater an.
Sanft und liebevoll küßte er das Haupt seines theuren Kindes.
„Geh', Hildegard, sagte er, „und thue, wie das Gesetz es verlangt; Du wirst ja,nachdem Deine Unschuld erwiesen ist, wiederkommen — und an Deiner Schuldlosigkeitzweifle ich nicht einen Augenblick."
Die kleinen Räume und wenigen Habseligkeiten waren bald durchsucht, die Beamtenschickten sich an, die Wohnung zu verlassen, und der Commissar sagte laut:
„Adieu, Herr Becker!"
Ein Weheruf entrang sich Hildegard's Brust, als sie den armen Blinden bleich inseinen Lehnstuhl sinken und den weinenden Bruder zu seinen Füßen knieen sah.
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