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„Bald komme ich wieder", sagte sie dann ruhiger, im Bewußtsein ihrer Unschuld,und bleich, doch gefaßt, folgte sie den beiden Polizeibeamten.
„Die „Pinseldame" ist verhaftet!" zischelten draußen die Mitbewohner des Hauses,und noch andere hämische Worte folgten dein jungen Mädchen, welches zitternd vorScham, flehend die Augen aus die neugierigen Gesichter richtete.
Unten hielt ein Wagen, umringt von den Nachbarn. Unter allseitigen Ausrufendes Erstaunens und lieblosen Aeußerungen stieg Hildegard in denselben und fuhr davon.
Wie jäh, wie unerwartet waren die wenige Minuten zuvor verhältnismäßig nochso glücklichen Menschen aus ihren frohen Hoffnungsträumen herausgerissen und in tiefeSchmach und Erniedrigung gestürzt!
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Ein Kranz prächtiger Villen säumt die Ufer des unter dem Namen der „Außen-Alster" bekannten seeartigen Wasserbeckens ein, welches, unmittelbar an die große See-und Handelsstadt angrenzend, Seinesgleichen sucht an landwirthschastlicher Schönheit undLieblichkeit. Dort, inmitten der herrlichsten Gärten und der üppigsten, saftigsten Vege-tation, leben die reichen Besitzer jener kolossalen Waarenspeicher, die in langen eintönigenReihen an den zahlreichen Canälen — „Fleeten" — sich hinziehen, welche eine Eigen-thümlichkeit und — in commercieller Hinsicht — einen unendlichen Vortheil für das handel-treibende Hamburg bilden, dessen älteren, vom Feuer des Jahres 1842 verschonten Theilsie gewissermaßen zu einem Abbild Venedigs machen, während die Alstergegend an Genf erinnert — natürlich ohne einen Mont-Blanc, denn Berge kennt die Hamburger Gegendnur auf dem rechten Elbufer und in ziemlich kurzer Ausdehnung.
Diese großen Speicher mit den trüben, kleinen Fensterscheiben, erscheinen dem mitHamburgs Eigenart nicht vertrauten Fremden fast unheimlich, namentlich wenn er, ausden eleganten Theilender Stadt kommend, diese geruchreichen, vom Lärm der Handels-Metropole Deutschlands widerhallenden Viertel betritt. Er ahnt nicht, welche Reichthümerhier aufgespeichert sind und ihrer Versendung nach fast allen Theilen Europas harren.
Nach den Landhäusern und koketten Gärten jenes großen Seebeckens der Außen-Alsler ziehen sich die Inhaber der großen, weltbekannten Firmen zu behaglich-beschaulicherRuhe und gemüthlichem Familienleben zurück, nachdem sie eins geraume Zeit täglich inengen, dumpfen, niit Buchhaltern, Correspondcnten und Coinmis gefüllten Comptoirszugcwracht, stundenlang in dem aufregenden Treiben der Börse sich bewegt, Waaren-proben jeglicher Art geprüft, Handelsberichte empfangen und abgesandt und die Fluctua-tionen des Geldmarktes, der Schiffsnachrichten durchgekostet haben. — Dort beginnensie von etwa vier Uhr Nachmittags an Menschen zu sein, während sie vorher nur Groß-händler, Kaufleute, Börsen- oder SchiffS-Makler, Rheder oder Banquiers waren. Dortumgibt sie vornehme Stille, aristokratische Exciusivität und das kleine Buen Retiro,welches sie sich am reizenden Alsterbecken geschaffen haben, entschädigt sie für den Lärm,das wirre Getreibe, den Comtoir- und Speicherdunst und die Miasmen der Fleete zurEbbezeit. Was Reichthum, gepaart mit gutem Geschmack, schaffen kann, dort hat er'sgeschaffen, und dort auch nur erfreut sich der Hamburger Handelsfürst seines irdischen Besitzes.
Ziemlich nahe bei der Stadt, im Pöseldorser Revier, lag die „Villa Walter", eineder prachtvollsten, schönsten der Umgegend, inmitten eines großen, parkartzig ausgedehntenGartens. Weiche, kürzgeschorene Rasenteppiche, noch jetzt im Spätherbst ein saftiges,smaragdenes Grün zeigend, wohlgepslegte Blumenbeete, hohe, schattenreiche Bäume, hierund da lauschige Plätzchen, zum Ausruhen einladend, Gewächshäuser und ein schönesPalmeuhaus gehörten zu den vielen Annehmlichkeiten dieses unvergleichlich schönen Land-sitzes und befanden sich meist hinter dem schloßartig angelegten Wohugebäude, welchesnur durch eine mit Rasen bedeckte und Blumen geschmückte sogenannte geneigte Ebeneund ein hohes, eisernes Stallet getrennt war, die wiederum ganz nahe dem rechtenUser des hier einen großen Landsee bildenden Alstcrflusses hinläuft.