Treten wir in die „Villa Walter", das heißt, in das zu derselben gehörige PalmenHaus, ein. Eine wohlthuend anheimelnde Stille herrschte dort, nur unterbrochen durchdas Plätschern der kleinen Fontaine, welche ihren fächerartigen Strahl in ein Marmor-becken ergoß; warme, von Wohlgerüchen durchzogene Lust erfüllte den Raum, in welchemdie schönsten und seltensten tropischen Gewächse in herrlicher Farbenpracht blühten.
In Träumen versunken lag nachlässig eine junge Dame in einer Hängematte.Dunkle Locken umrahmten ein feines, liebliches Gesicht von jenem matten Weiß, welchesden unter den Tropen Geborenen eigen ist; die dunklen Augen groß und schmachtend,die üppigen Formen verbunden mit einer Grazie, deren jede Wendung, jede Bewegungtheilhaftig ist; so war diese junge Frauengestalt ein würdiges Bild in diesem Rahmenvon exotischen Gewächsen.
Eugenie Delahaye war eine Creolin, in Südamerika von französischen Eltern ge-boren, ihr Vater ein intimer Freund des alten Consul Walter, auch waren die geschäft-lichen Beziehungen der Beiden die engsten. Als Eugenie vor einiger Zeit ihre Mutterverloren, hatte ihr Vater sie zu seinem Freunde nach Europa geschickt. Die Schwach-heit der Mutter, welche ihr einziges Kind vergötterte und verhätschelte, war Ursachegewesen, daß die Erziehung des jungen Mädchen vollständig verfehlt und verwahrlostworden, daß aus dem reizenden Geschöpf ein ebenso unwissendes wie launenhaftesWesen gemacht war.
Schon ein halbes Jahr befand Eugenie sich in der Walter'schen Familie, doch ihreErziehung, die auf dringenden Wunsch des Vaters hier ernstlich nachgeholt, der diemangelnden Kenntnisse zugefügt werden sollten, hatte bis jetzt noch kaum nennenswertheErfolge auszuweisen. Die Ursache war auch in der großen Schwachheit zu suchen, dieAlle, welche mit dem aufgeweckten, geistreichen Mädchen in Verbindung kamen, für siezeigten; mit ihrem natürlichen Witz, ihren drolligen Einfällen überwand sie jeden Wider-stand und schlug alle vernünftigen Vorstellungen ab. Die besten»Lehrer hatten vergeblichMühe und Geduld an dieser launenhaften Schülerin verschwendet; Eugenie wollte nichtlernen, was sie für überflüssig hielt; was sie bei ihrem scharfen Verstände mit Leichtig-keit gefaßt haben würde, gab sie vor, durchaus nicht begreifen zu können, und nachdemoft stundenlang ihr ein Vortrag über Literatur, Geschichte, Kunst oder dergleichen ge-halten worden, richtete sie dann die naivsten Fragen an ihre Lehrer, aus denen hervor-ging, daß sie auch nicht ein Atom des ihr Vorgetragenen begriffen — richtiger: hattebegreifen wollen, — und wenn sie alsdann die Verzweiflung ihrer Lehrer sah, lachte sieso vergnügt, so hell und melodisch ihnen in's Gesicht, daß sie zwar aus ihre Aufgabeverzichten, sie als unausführbar erklären mußten, nichtsdestoweniger aber dem tollenMädchen nicht gram sein konnten.
Alle Vorstellungen der Frau Walter (gewöhnlich nur die „Frau Consulin " genannt),so wie des alten Consuls, wie sehr nöthig wissenschaftliche Bildung einem jungen Mädchenvon ihrer gesellschaftlichen Stellung sei, schlug sie mit der einfachen Gegenrede, daß sienur glücklich und froh sein wolle und bis jetzt trotz ihrer Unwissenheit so glücklich gewesensei, daß sie gar keine Neigung empfinde, ihr Wissen zu erweitern. Sie hatte wohl alsKind die besten Gouvernanten gehabt, doch Alle hatten sich fruchtlos abgequält, denkleinen harten Kopf zu bearbeiten; es ging eben nicht. — Eugenie's Mutter hatte diesemUnwesen nicht gesteuert, vielmehr stets im Sinne ihres Kindes erklärt, es sei noch zujung zum ernsten Lernen; später könne ja das Alles noch nachgeholt werden. Und daswar ein Unglück für Eugenie gewesen, denn je älter und größer sie ward, um so selb-ständiger wurde sie, und als man sie später zum Lernen gewissermaßen zwingen wollte,faß sie wohl still und horchte auf die Worte ihrer Lehrer oder Lehrerinnen, doch plötzlichhielt sie sich beide Ohren zu, und ein lustiges Lied trällernd sah sie mit lachendemGesichte auf die erzürnte Miene ihrer Gouvernante, oder sie zog dieselbe vor einenSpiegel hin und fragte, ob sie sich denn so gut mit dem bösverzerrten Gesichte gefalle.