Ausgabe 
(20.10.1880) 32
 
Einzelbild herunterladen

253

Dann lachte sie wie ein Kobold, umfaßte die Widerstrebende und zog sie in tollem Wirbelmit sich im Zimmer umher, bis sie die Athemlose in einen bequemen Fanteuil sinken ließ.

Wer Eugenie ernstlich zu zürnen versuchte, wurde mit Kosen und Schmeicheln solange maltraitirt, bis man unwillig und doch wieder mit unwillkürlichem Lächeln ihr zu ver-zeihen versprach. Hätte Eugenie mit anderen Mädchen ihres Alters verkehrt, so wärees wohl auch anders geworden; sie hätte Achtung empfinden müssen vor den Kenntnissenihrer Alters- und Standesgenossinnen, und ihr Stolz würde ihr die eigene Jnferioritätunleidlich gemacht haben. So wie es war, hatte sich der Glaube in ihr festgesetzt, daßdas Wissen nur für Lehrer und Gouvernanten gut sei, weil diese sich ihr Brod damitzu verdienen hätten; sie aber, pflegte sie zu sagen, habe nicht Lust, ihr junges Lebenmit solchen Quälereien zu verbittern.

Der alte Herr Delahaye war in Verzweiflung; allein den Thränen des geliebtenWeibes und den zärtlichen Schmeichelworten des einzigen vergötterten Töchterchens gegen-über erlahmte auch seine Energie, oder sie kam vielmehr gar nicht zum Durchbruch.

Das ganz andere Leben in Deutschland , in diesem durch allgemeinen Bildungs-drang so hochstehenden Lande, wo auch der französisch-amerikanische Kaufmann einenTheil seiner Jugend verlebt, hatte Herrn Delahaye auf die Idee gebracht, Eugenie nachdem für ihn so schmerzlichen Verlust der theuren, vielbeweinten Gattin seinem Jugend-freunde Walter und dessen hochgebildeten Frau zurVollendung" ihrer Erziehung zu über-geben. Er glaubte, daß das deutsche gesellschaftliche und Familienleben einen wohl-thätigen Einfluß auf seine Tochter üben, daß der hohe Grad von Bildung, dem sie beiihren deutschen Altersgcnossinnen begegnen mußte, ihren Ehrgeiz rege machen würde.Allein wie sehr irrte er!

Durch ihre wunderbare Schönheit, ihre Grazie, ihren natürlichen Witz, ihrungezwungen leichtes Geplauder entzückte Eugenie Alle, die mit ihr in Berührung kamen.Sie lachte herzlich über diesteifen Deutschen" und wußte in so drolliger Manier diegezwungene Haltung, die gezierte Sprache und die Bewegungen der jungen Damen zucopiren, welche ihr ganz besonders als Muster weiblicher Vollkommenheit bezeichnet wordenwaren, daß Jeder das launige Geschöpf bewundern mußte und Niemand EugenieDelahayne gram sein konnte.

Nur Eins schien ihr Freude zu machen: das Erlernen der deutschen Sprache.Mit Leichtigkeit überwand sie dabei alle Schwierigkeiten und unterhielt sich schon jetztziemlich fließend und mit einem sie allerliebst kleidenden, fremdartigen Accent in dem ihrnoch vor wenigen Monaten gänzlich fremden Idiom.

Den schönen Lockenkopf hintenüber geneigt, die dunkeln Augen in den Palmen-kronen verloren, den lieblichen Mund halb geöffnet, so daß die zwei Reihen kleiner,schneeiger Zähne hervorschimmerten, schaukelte Eugenie Delahaye sich leise in der Hänge-matte und träumte von ihrer schönen Heimath. Sie war so tief versunken in ihreTräume, daß sie nicht bemerkte, wie leise Schnitte naheten und William Walter sichan dem reizenden Bilde erfreute, welches sich ihm darbot. Und wer konnte es demjungen Manne wohl verargen, daß ihm das Blut warm nach dem Herzen drang beimAnblick dieser üppigen, verführerischen Schönheit? lächelnd beugte er sich über dasKind der Tropen und flüsterte so sanft, so innig:Eugenie!" daß das jungeMädchen einen Augenblick befremdet in das gebräunte, männlich schöne Antlitz sah. Eswar ihr ein ganz neuer Ton bei William, der am strengsten gegen sie aufzutreten pflegte,der ernst und grollend oft ihre Schmeicheleien zurückgewiesen, dem gegenüber sie alleinherzlos, ja grausam sogar mitunter sein konnte, nur um nicht wieder ein gutes Wort anihn richten zu müssen.

Auch jetzt lachte sie ihm silberhell in sein bewegtes Gesicht und rief neckisch:

Ach! das war ganz und gar deutsch, so habe ich meinen Namen noch nie gehört!"

Und mit schmachtendem Augenaufschlag wiederholte sie mit vibrirender Stimme: