Ausgabe 
(20.10.1880) 32
 
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Die Brigg war 1'/ Meilen vom Ufer verankert. Niemand erhielt Unaub und nu>:Einzelne kamen an's Land, wenn der Dienst es durchaus erforderte. Tödtlichcr Hcff,qegen den Peiniger erwuchs in den Herzen der Offiziere und Mannschaften; er würd«nicht ausgesprochen, aber desto glühender flammte er in der verschlossenen Brust unddrohte sie zu sprengen.

Endlich erschien der Tag der Heimkehr, und der Kapitän kommt mit heitererViiene an Bord. Seine Mission ist beendet; ein höherer Grad erwartet ihn bei seinerRückkehr.' Auf den bleichen und abgezehrten Gesichtern der Mannschaft zeigt sich jedochkein Freudenstrahl, obwohl es heimwärts geht; unheilverheißender Ernst lagert auf ihrenZügen und finstere Wuth zieht ihr Herz krampfhaft zusammen, als sie lautlos um dasGangspiel marschiren, um den Anker zu lichten. Der Kapitän liest eine unbestimmt,,Drohung in ihren Mienen, und es wird ihm unheimlich zu Muthe. Er sucht mit der'Offizieren ein Gespräch anzuknüpfen, doch vergebens; sie befolgen nur stumm die er-haltenen Befehle, sonst weichen sie ihm scheu aus, wie dem bösen Feinde.

Im Bahamalkanal steigt ein auf, eine von jenen, die der Schrecken der See-fahrer sind und den Orkan in ihrem Schooße tragen. Der Offizier der Wache benach-richtigt den Kapitän von der nahenden Gefahr; dieser kommt an Deck und ertheilt denBefehl, Segel zu kürzen. Der Offizier läßtAlle Mann" aufpfeifen und wiederholtdas erhaltene Kommando, doch die Ausführung unterbleibt. Stumm und drohend bleibtdie Mannschaft auf dem Verdeck: der Bootsmann wirft seine Signalpfeife über Bordreißt sich die Abzeichen von der Jacke und stellt sich schweigend an das Bugspriet. DieBande der Disciplin sind gesprengt und der Gehorsam gekündigt, während der Sturmheulend über das Wasser dahinfährt.

Gei auf, Marssegel", ruft der erschreckte Kapitän, in dem Leichenblässe sein Gesichtüberzieht; er fühlt, daß die Nemesis naht.

Wir werden die Segel nicht fortnehmen", erwidern hundert Stimmen zugleich.

Holen Sie Ihre Waffen!" wendet sich der Kapitän zu den Offizieren,das istMeuterei!" Der Angstschweiß perlt dem Feigling von der Stirn.

Die Angeredeten ziehen sich nach dem Hinterdeck zurück, nur der Wachehabendebleibt auf der Kommandobank; sein glanzloses Auge blickt dem Sturme entgegen, derpfeifend und brausend hereinbricht und das Schiff durch die Wellen peitscht, die von allenSeiten es zu verschlingen drohen.

Einige wenige Nichtseeleute und Matrosen begeben sich zum Kapitän auf dasHinterdeck.

Was sollen wir machen", sprechen sie mit schlotternden Knieen zu ihm,wirwerden untergehen!"

Nieder mit den Spionen!" ruft die Mannschaft,wir wollen sterben."

Der Kapitän steht bleich und zitternd; er nimmt dem Offizier der Wache dasSprechrohr ab, er hofft noch auf Wiederkehr der Ordnung, wenn er selbst kommandirt;aber die Antwort der Mannschaft ist nur ein höhnischts Lachen, das sich mit dein Grollendes Sturmes mischt. Dann verschwindet auf eine Minute Alles in dampfendem Gischt;die Brigg scheint unterzugehen, sie legt sich auf die Seite und die See bricht darüber fort.

Kappt die Masten um Gottes Willen!" tönt es heiser aus der Brust des Kapitänshervor. Seine Spione wollen hinunter und Beile holen, doch die Mannschaft treibt sievon den Luken zurück.

Wir wollen sterben und er soll mit uns gehen", ruft es wieder vorn, und dieOffiziere bewahren ein düsteres Schweigen. Da kracht es, die Bemastung geht überBord; die Brigg richtet sich wieder auf, aber jetzt rammen die Masten gegen die Bord-wände und drohen Löcher zu brechen.

Ich verspreche Euch allen Begnadigung, ich schwöre es auf meine Ehre!" bittetder Kapitän in höchster Angst.Aber kappt die Taue!"

Deine Ehre? Ha, wer glaubt daran?" höhnen die Matrosen.