Ausgabe 
(23.10.1880) 33
 
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schön geformten Arm, der in dem seinen lag. Das lachende Antlitz, die herrliche, nurhalb verhüllte Büste schienen für ihn gar nicht zu existiren; das Betragen des reizendenMädchens erschien ihm kindisch und albern, ihre elegante und graziöse Toilette war fürihn nur der Beweis ihrer stets kampfbereiten Koketterie. Der Gedanke, sie zu seinemWeibe zu machen, lag ihm in diesem Augenblick ferner denn je.

In dem mit gediegener Eleganz, jedoch fern von jeder Uebcrladung eingerichtetenEßsalon saß ein alter Herr mit schneeweißem Haar in einer Sophaecke General-konsul Walter, ein Mann zwischen Siebenzig und Achzig, dessen lebhaftes Auge jedochZeugniß gab von dem frischen, ungetrübten Geist, der in der schon etwas gebeugtenGestalt noch lebte und herrschte. Seine Gemahlin, William's Mutter, hatte ein durchseine frischen Farben fast noch jugendlich erscheinendes Gesicht, obwohl auch sie schonweit über sechzig Jahre zählte; ein strenger Zug um den Mund indessen, wie auch derscharfe, ewig prüfende Blick ihrer grauen Augen ließen ihr Gesicht nicht angenehm er-scheinen. Ihr ganzes Wesen, ihr Aeußeres trug den Stempel -der peinlichsten Ordnung,jede Bewegung schien von ihr möglichst abgemessen, damit kein Fältchen ihres Kleidessich verschieben könne; geräuschlos bis zur Äengstlichkeit war ihr ganzes Wesen, ihreSprache ruhig, stets leidenschaftslos, und keine noch so tieke Erregung hätte sie vermocht,ihr Organ auch nur um einen Ton zu erhöhen oder zu verstärken. DieFrau Eonsulin"war die ächte, treue Repräsentantin der alten Hamburger Handels-Patricier-Familien-Tradition.

Unter Beobachtung all' jener Formen, wie sie in den feineren Kreisen der großenund reichen Handelsstadt gleich peinlich wie in England , als Norm gelten, hatte mansich zu Tische gesetzt. Das Gespräch wurde hauptsächlich durch Eugenie und William'SEltern geführt, der junge Consul selbst saß, nur kurz hin und wieder an der Unter-haltung sich betheiligend, im Ganzen wortkarg da, während seine Gedanken ganz woanders zu weilen schienen. Manchmal nur schreckte ihn das helle Lachen Eugenien'S aus,und die Eonsulin schüttelte wohl leicht den Kopf, daß das junge Mädchen sich so ver-gessen konnte; aber ihre sonstigen Manieren, beispielsweise ihre vollendete Grazie beimEssen, wobei sie sich nie den geringsten Verstoß gegen die Etiquette zu Schulden kommenließ, versöhnte einigermaßen wieder die peinlich auf Beobachtung aller gesellschaftlichenFormen haltende Frau und ließ sie so manchen andern kleinen t'uuv pau vergessen, dessendas wilde, unbändige Mädchen sich schuldig machte.

Als nach dem Dessert die beiden Damen sich erhoben und nur Vater und Sohnnoch bei einer Cigarre und einem Glase Wein sitzen blieben, fragte der alte Herr,forschend in des Sohnes ernstes Gesicht blickend:

Was sinnst Du, William? Schon bei Tisch warst Du heute ausnehmendeinsilbig und reservirt, ja unaufmerksam, und Eugenie kann sich wirklich nicht über einZuviel 'an Galanterie von Deiner Seite beklagen. Du brachtest sie in so steifer Grandezza,mit so finsterer Miene hierher, daß es mir vorkam, als empfändest Du es gleich einerStrafe, das reizende Mädchen am Arme zu führen. Hast Du denn gar kein Feuerin den Adern, Junge, daß Du so den Eisbären herauskehrst? Als ich in DeinemAlter war, hätte mich Eugenie mit ihrer Schönheit nicht so kalt gelassen."

Der alte Herr strich ruhig die Asche von seiner Cigarre, nippte ein wenig an seinemWein und blickte dabei von Neuem prüfend auf seinen Sohn. Dieser antwortete nicht.

Sie ist ja ein wildes Ding, ein unbändiges Mädchen ja", fuhr der Vaterfort,doch gut von Herz und Gemüth ist sie, William. Und sie ist auch so klug undgewandt und kann, wenn sie will, so viel gesellschaftlichen Tact zeigen, daß sie Dichgewiß niemals compromittiren, sich selbst nie eine Bloße geben würde. Sie weiß auchviel anmuthiger zu plaudern, als die gelehrten jungen Damen von heutzutage, hinterderen Wissen übrigens nicht so arg viel steckt; es ist das doch nur ein Firniß, unterwelchem nichts Tieferes, nichts Reelles liegt. Ob Eugenie nun das bischen Firniß besitztoder nicht, das bleibt sich meiner Ansicht nach gleich; das Rechte, Wahre kommt mit den