Ausgabe 
(23.10.1880) 33
 
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Jahren von selbst. Dafür ist sie aber auch ungleich schöner als alle Andern, und Duwürdest sehr um sie beneidet werden."

Ich bitte Dich, lieber Vater, gib diese Ideen auf", erwiderte William;ich werdeEugenie niemals heirathen! Frauen ihrer Eigenart stoßen mich ab, statt anzuziehen,

sind mir schrecklich. Wenn ich mich jemals vermähle, dann muß ich die Ueberzeugung

haben, daß die, welche meine Frau werden soll, mich liebt, ihr ganzes Wesen muß michsympathisch berühren und auch mein Herz in Liebe für sie schlagen: all' diese Voraus-setzungen treffen aber bei Eugenie Delahaye nicht zu, und ich kann Die nicht zu meinerGattin machen, welche nicht mit mir fühlt, die für mich und mein Haus kein Interesse

hegt, die stundenlang sich träge in einer Hängematte wiegt und über eine neue ver-

führerische Toilette träumt oder darauf sinnt, mit welch' neuen Künsten der Koketteriesie es dahin bringt, Andere rasend in sich verliebt zu machen! Eine gefallsüchtige Frau,Vater, hattest auch Du nie genommen, und Eugenie ist gefallsüchtig im höchsten Grade!"

Aber, mein Gott, William, wie kannst Du so absprechend über das arme Kindurtheilen? Sie ist reich, verwöhnt von Kind auf; wie konnte sie da viel anderswerden? Sie wird noch ganz aus eigenem Antriebe Alles, was ihr jetzt noch abgeht,lernen und sich aneignen, wird ganz anders werden, als sie jetzt ist, wenn sie einenguten, vernünftigen und rücksichtsvollen Meister findet ..."

Ich will meine Frau nicht erst erziehen", unterbrach William.Doch laß esgenug sein, Vater; ich kann Eugenie nicht heirathen, sie ist nicht das Weib, wie esmeinen Träumen vorschwebt; ich kann keine besondere Hochachtung vor ihr empfindenund nicht daran denken, sie zu meiner Frau zu machen!"

Träume? Man träumt immer anders von den'Frauen, als sie in Wirklichkeitsind, mein lieber Sohn. Solche in's praktische Leben überführte Traumgestalten existirennicht."

O doch, Vater, es gibt deren!" rief der junge Mann mit Enthusiasmus undlebhaft crröthend.

Erstaunt blickte der alte Herr auf den Sohn, dann sagte er ernst, kopfschüttelnd:

Und Du hast Eine bereits gefunden, und sie ist es, William, die Eugenie imWege steht!"

Die plötzliche Nöthe war ebenso schnell, wie sie gekommen, auch wieder aus demgebräunten Gesicht des jungen Consuls gewichen; doch auch ein rascher Entschluß schienihm gekommen und blieb auch; er war ja kein Jüngling mehr und konnte sich wohl dasRecht indiciren, selbständig zu handeln und zu wählen.

Ja, Vater", entgegnete er,ich habe ein Mädchen gefunden, wie ich es mirgeträumt, doch vielleicht entspricht es Deinen Anforderungen nicht so wie den meinigen;es ist arm, gehört keiner Pntricierfamilie an, ist aber das einzige Weib, das mich glück-lich machen könnte und ich hab's ja Gott sei Dank für uns Beide! Mein Nameist klangvoll genug, um vergessen zu lassen, was meine Gattin für eineGeborene" ist!"

William, ich Hütte Dich wirklich für vernünftiger gehalten!" rief halb entsetzt deralte Herr.Ein armes Mädchen aus obscurer Familie, ohne höhere Bildung, die Dichwahrscheinlich nur durch ein schönes Gesicht bestochen hat. .... William, es taugtnicht, nie und nimmermehr; der Rang- und Standes-Unterschied bleibt glaube mir! und heftet sich einem Alp gleich an Deine Fersen; Deine Frau, wenn sie nicht inunserm Stande geboren, kann nie heimisch werden in unsern Kreisen, sie wird sich überallBlößen geben, und Du würdest die getroffene, dann natürlich unabänderliche Wahl baldgenug bitter bereuen müssen. Geld ist für mich ja auch durchaus nicht die Hauptsachebei der Wahl einer Schwiegertochter, nur von guter Familie, in guten Kreisen erzogen,muß sie sein, sonst wird nichts daraus!"

Würde ich nur auf Schönheit sehen, Vater, so heirathete ich Eugenie, doch ichwill eine Frau mit Herz und Gemüth!"

Was wird Deine Mutter sagen, Williams Wie könnte Deine Auserwählte vor