Ausgabe 
(23.10.1880) 33
 
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ihr mit ihren strengen Grundsätzen, ihrem peinlichen Festhalten an: Althergebrachtenbestehen?"

Sie wird bestehen, Vater! Glaubst Du Dein Sohn würde eine seiner undseines Namens unwürdige Wahl treffen, nicht darauf bedacht sein, daß er sich nichtlächerlich mache durch eine Frau, welche nicht in seine Kreise paßt? Doch las; uns dasThema lieber jetzt abbrechen, um es wieder aufzunehmen, wenn's Zeit ist. Noch ist mirselbst unklar, ob, wann und wie ich handeln werde, doch Dir, dem Vater, vor dem ichnie ein Geheimniß gehabt, durfte mußte ich ja von dem sprechen, was mich imAugenblick so ausschließlich beschäftigt. Gehst Du mit in's Theater?"

Nein, ich nicht, aber Mama und Eugenie möchten Lust haben und würden Dirgewiß zu Dank verpflichtet sein, wenn Du sie auffordern wolltest."

Dann will ich lieber allein gehen; ich möchte, wenn Du zu Hause bleibst, aufmich ausschließlich allein angewiesen sein. Adieu, Vater!"

William entfernte sich, der alte Consul ging nach seinem Zimmer.

Nur wenige Sunden früher, als William Walter darüber nachdachte, wie wenigEugenie Delahaye trotz ihrer mannigfachen Reize ihm bcgehrenswerth sei, als er eineParallele zog zwischen der Creolin und Hildegard Becker, der armen Künstlerin, da mußteer sich sagen, daß die Letztere alle die Eigenschaften besitze, welche er von seiner Gattinverlange;'arm zwar, doch von edlem Sinn und Gemüth; ein Mädchen, welches mitsolcher Aufopferung für die Seinen arbeitet und wirkt, trotz so bedrängter Lage undtrotz so großer Schönheit und Jugend, lügenhaft bleibt, ist liebcnswcrther und höher zuächten, als alle die geputzten jungen Damen der sogenannten höheren, exclusiven Classen,die, ohne Söge, Noth oder Anfechtung, geschützt ihr Dasein genießen ungetrübt, ohnenur einmal darüber nachzudenken, wie bevorzugt sie dastehen gegenüber anderen Geschlechts-genossinnen.

Sein Entschluß festigte sich immer mehr: das arme Mädchen mit dem bleichenGesicht der Dulderin wollte er zu seinem Weibe und es sich zur Aufgabe machen,die Nosen zurückzuzaubern auf ihre Wangen, den Ausdruck der Freude und der Lebenslustin ihre Augen. Und mochten auch seine Freunde die Achseln zucken; was konnte manihm, was ihr vorwerfen? War sie doch die Tochter eines längst anerkannten Künst-lers, der vor dem Unglück, das ihn so schwer getroffen, auch in derguten Gesellschaft"sich bewegt hatte; und wäre jenes große Leid nicht über ihn gekommen, dann würde erheute noch hoch angesehen, ja reich wahrscheinlich und seine schöne Tochter von BewerbernUmschwärmt sein.

Um die gewöhnliche Stunde ging der Vice-Consul William Walter am anderenMorgen nach der Kunsthalle. Er mußte Hildegard sehen, es was ihm das Zusammen-treffen mit ihr zum Bedürfniß geworden. Wie erstaunt war er jedoch als er auf derjungen Künstlerin Platz einen älteren Herrn sah, der, ohne sich um ihn zu kümmern,eifrig die Copie derTochter Tizian's" zu vollenden im Begriffe war.

.War Hildegard wirklich ernstlich krank geworden? mußte William Walter sichfragen. Ein Gefühl der Angst, der Beklemmung ließ ihn erst jetzt erkennen, wie theuerihm die schöne Künstlerin schon war. Er mochte den fremden Herrn nicht nach ihrfragen, er wollte selbst hineilen nach ihrer Wohnung, um sich Gewißheit zu verschaffen.Eilig verließ er die Kunsthalle und schritt, trüber Ahnungen voll, dem entlegenen Stadt-viertel zu.

Der arme Künstler hatte in der verwichenen Nacht, der ersten, welche er getrenntvon seiner geliebten Tochter zugebracht, alle Dualen den zur Ungewißheit und Unthälig-keit Verdammten erlebt; jeder leichte Tritt ließ ihn erschreckt aufhorchen, denn er glaubteja mit Bestimmtheit, daß Hildegard bald wiederkommen müsse. Als die Nacht herein-brach und sie immer noch nicht da war, da suchte er sich mit dem Gedanken zu trösten,daß ein Verhör wohl noch nicht habe stattfinden können, daß sie erst morgen kommenwerde.