Nr. 34.
1880.
M
„Angstmrger Postzeitung."
Mittwoch, 27. Oktober
Die Freude, sie schwindet, es dauert kein Leid;
Die Fahre verrauschen im Strome der Zeit;
Die Sonne wird sterben, die Erde vergehen:
Doch Liebe inust ewig und ewig bestehen. ,
Hildegard.
Criminal-Novelle von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Der Morgen kam endlich — nach einer Nacht, in der Becker nicht einen Augen-blick Schlaf gehabt. Der kleine Ernst bereitete leise und oft schluchzend das Frühstück,giitg dann zur Schule und der arme Blinde blieb wieder allein mit seiner Angst, seinenquälenden Vorstellungen und seiner Sorge um die unglückliche, geliebte Tochter. Stillsaß er in seinem Lehnstuhl und horchte auf jeden Schritt und Tritt, auf das kleinsteGeräusch; er kannte den leisen Gang seines Kindes ja so genau; doch Hildegard kamnicht. — Und Niemand kam, der ihm Nachricht von ihr brachte!
Am Abend der Verhaftung Hildegard's hatte Becker zu dein einzigen ihm treugebliebenen Freunde, dem Maler Krelle, geschickt, um ihn von dem Geschehenen inKenntniß zu setzen. Der Freund kam sofort, suchte den Armen zu trösten und sprachauch seinerseits die positive Ueberzeugung aus, daß Hildegard unfähig und unschuldigsei des ihr zur Last gelegten Verbrechens; sie werde zweifelsohne ibre Unschuld baldgenug auch beweisen können und zu den Ihrigen dann zurückkehren. Krelle bot seineDienste an, um die Copie der „Tochter Tizian's" zu vollende!:, damit der arme Vatervor Noth geschützt sei bis Hildegard wiederkehre.
Da endlich nahten sich Schritte, und es ward an die Thüre geklopft.
„Herein!" rief der Blinde, all' seinen Muth zusammennehmend, doch mit bebenderStimme. Seilte lichtleeren Augen hingen an der Thür, als könnten sie den Eintretendenerkennen.
„Ich bin es, Herr Becker, Consul Walter", sagte dieser. „Ich komme soeben vonder Kunsthnlle und bin erstaunt, an Ihrer Tochter Bild einen Fremden arbeitend ge-funden zu haben. Ich hatte die Absicht, noch Einiges mit Fräulein Becker in Betreffder Copie des „Murillo" zu besprechen, welche sie für mich anzufertigen bereit erklärt hat.
„Meine Tochter — meine Tochter wollen Sie sprechen?!" rief der arme Vater,sich erhebend. „So wissen Sie nicht, Herr Consul . . . ." — Er konnte nicht weitersprechen, der Unglückliche; laut schluchzend sank er in den Lehnstuhl zurück.
Bestürzt eilte William auf den Maler zu, mit vor Schreck zitternder Stimmefragte er:
„Was ist mit ihr? — Ist Ihre Tochter krank, sehr krank, vielleicht gefährlich?!— Sagen Sie es mir denn ich kann die Ungewißheit nicht ertragen!"
Erstaunt richtete Becker den Kopf auf; dieser vornehme, fremde junge Mann fragte