Ausgabe 
(27.10.1880) 34
 
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so leidenschaftlich erregt, so ängstlich nach seiner Hildegard .... Was hatte er nur,was konnte ihn dazu bewegen? Sein Gesicht wurde ernst und ziemlich kalt fragteer zurück:

Kannten Sie denn mein Kind näher?"

Ja und nein", erwiderte William, doch besorgt fügte er hinzu:Sagen Sie mir,was mit ihr ist!"

Sie wurde gestern Abend verhaftet, eines Diebstahls ich glaube eines Bildes in der Kunsthalle beschuldigt; denMurillo", den sie für Sie copiren sollte, soll siegestohlen haben. ..."

Unmöglich!" rief der junge Walter bestürzt.

O, unmöglich ist es durchaus nicht, daß der Verdacht zuerst ein armes jungesMädchen trifft, welches sich Tag um Tag abquält, um Brod für seinen Vater undseinen jungen Bruder zu verdienen! Auf wen sonst als auf die Armen fällt zuerstder Verdacht eines Verbrechens?!" schloß der Blinde, mehr zu sich selbst als zu demBesucher sprechend.

Sie, eine Diebin?!" rief William empört.Nein, das kann Niemand glauben,der in dies reine, sanfte, duldende Antlitz je geblickt hat! Lächerlich, einen Verdachtnur auf sie zu lenken! Wer hat das gethan? Wer hat Ihre Tochter beschuldigt?"

Die mageren Hände des Blinden streckten sich nach der Richtung hin aus, wo derConsul stand, und mit nahezu wahnsinnigem Ausdruck fragte er:

Haben Sie noch nie von unschuldig Verurtheilten gehört? Wenn man sie,wenn man meine Hildegard verurtheilen könnte, es wäre mein Tod!"

Der Anblick des unglücklichen, verzweifelnden Mannes schnitt William in die Seeleund erfüllte ihn mit höchstem Mitleid. Er ergriff die bleichen, kalten Hände und sagtefreundlich:

Beruhigen Sie sich, Herr Becker, dazu kann es nicht kommen. Ich werde michsogleich nach all' den näheren Umständen erkundigen und Ihnen hoffentlich gute Nach-richten bringen. Ich habe Ihre Tochter lange Zeit beobachtet; ihr stilles, sanftes Wesen,ihr Fleiß und die Würde, mit welcher sie ihr Leid trug, haben mein ganzes Interessefür sie rege gemacht, und ich werde deshalb auch jetzt für sie wirken, um sie Ihnen mitGottes Hülfe bald wieder zuführen zu können.

William Walter hielt Wort. Den besten, anerkannt tüchtigsten Vertheidiger engagirteer für Hildegard, kein Geld schonte er, um die Unschuld des unglücklichen jungen Mädchenszu erweisen; allein Wochen, ja Monate schließlich, vergingen erfolglos, Hildegard Beckerward nicht aus der Untersuchungshaft entlassen, und derMurillo" war und bliebverschwunden.

Endlich, nach beinahe vier langen Monaten, ward der Verhandlungstermin in derSache vor dem Schwurgericht angesetzt. Es war dies ein Tag der Angst und bangenSorge für alle Diejenigen, welche an dem jungen Mädchen Antheil nahmen.

Es war ein rührendes Bild des Unglücks, als die todtbleiche Hildegard in stillerResignation auf der Anklagebank saß. Ein mitleidiges Murmeln ging durch die ver-sammelten Zuschauer. Leise, kaum vernehmbar beantwortete sie die von dem Präsidentenan sie gerichteten Fragen, dann saß sie wieder still, wie theilnahmslos da, ihre großen,traurigen Augen nur hingen fragend an den Lippen der Zeugen, welche wider sie aus-sagten. Wie in eiAem bösen Traume befangen hörte sie alle jene sich so verhangnißvollfür sie gestaltenden Umstände an, welche seitens der Anklage gegen sie vorgebracht unddurch mehrere Zeugen bestätigt wurden.

Der Castellnn der Galerie, Wesselmann, mußte eidlich aussagen, daß er das ver-schwundene Bild vonMurillo" noch um zehn Uhr in dem kleinen Zimmer gesehen,nachdem er im Vorübergehen einige Worte mit der dort arbeitenden Hildegard Beckergewechselt; er mußte zugeben, daß die Angeklagte heimlich, gegen die Vorschriften desReglements und ohne die für einen Ausnahmefall vorgesehene besondere Erlaubniß des