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Jnspectors Schramm wiederholt dort gearbeitet, daß sie sorgar ein Gewicht darauf gelegthabe, er — der Castellan — möge den Jnspcctor nichts von ihrer Anwesenheit dortwissen lassen, sobald diese in die Zeit vor elf Uhr Vormittags fiel.
Dann ward der Jnspector selbst aufgerufen und sagte aus, wie er an dem frag-lichen Tage, etwa eine halbe Stunde vor der Eröffnung der Galerie für das Publikum,die Angeklagte eilig und sichtlich ängstlich sich habe entfernen sehen, auch bemerkt habe,daß sie einen viereckigen Gegenstand unter ihrem Shawltuch verborgen. Dasselbe be-zeugten auch die beiden Arbeiter, welche unter des Jnspectors Anleitung die in demPlacement der Bilder wünschenswerthe Veränderung vorgenommen hatten; kaum einehalbe Stunde nach der Eröffnung der Galerie und als die Angeklagte bereits wiederbei ihrer Arbeit gesessen, sei das Verschwinden des „Murillo" entdeckt worden, noch eheeiner der fremden Besucher sich entfernt gehabt.
Hildegard's Vertheidiger nahin ein Kreuzverhör mit Jnspector Schramm vor undfragte ihn unter Andern:, ob er nicht am Tage vor dem Verschwinden des Bildes undder gegen Hildegard Becker durch ihn selbst erhobenen Anklage in der Wohnung derselbengewesen sei und was ihn dahin geführt habe.
Sichtlich unangenehm über diese Frage überrascht, mußte nichtsdestoweniger derJnspector zugeben, was- ihn dorthin geführt, zugeben, daß er sich bei Hildegard einenKorb geholt hatte. Der Vertheidiger blickte in Folge dessen mit deutlicher, sprechenderGeberde auf die Geschworenen.
Doch Jnspector Schramm rächte sich. Er fragte den Präsidenten, ob er, abgesehenvon Beantwortung der durch Anklage und Vertheidigung an ihn gerichteten Fragen, nocheine Aussage machen dürfe, die wahrscheinlich ein neues Licht auf den Fall werfen würde.Auf die bejahende Antwort sagte er Folgendes:
„Vor etwa vier Wochen wandte sich ein Engländer, dessen Namen ich nicht an-zugeben weiß, mit der Frage an mich, ob der nunmehr verschwundene „Murillo" ver-käuflich sei. Ich erklärte ihm, es könne davon gar nicht die Rede sein, verwies ihn imklebrigen, um den sehr Zudringlichen loszuwerden, an Herrn Senator Hochstäiten alsleitenden Director unserer Sammlung. Sollte der Engländer sich an den Herrn Senatorin dieser Angelegenheit ebenfalls gewendet haben, was ich bei der Ausdauer der HerrenEngländer und bei ihrem Wahn, daß ihr Geld ihnen alle Wege ebnen müsse, kaumbezweifle, so würde Herr Senator Hochstättcn im Stande sein, diese meine Aussage auswelcher ich weitere Folgerungen nicht ziehen mag, zu bestätigen."
Diese Deposition des Jnspectors machte einen peinlichen, unangenehmen Eindruck;indessen überwog sichtlich der Ekel vor dem Charakter des Mannes, der sich nicht ent-blödete, so offen Rache zu nehmen für den ihm ertheilten Korb, und es schien, als obweder der Gerichtshof, noch der Staatsanwalt, noch die Geschworenen -und der Ver-theidiger Werth legten auf den hämischen Schlußsatz. Der Vertheidiger unterließ jedochnicht zu bemerken, daß eben dieser Schlußsatz einer Folgerung, also einer gehässigen An-klage, zu der der Zeuge auch nicht die mindeste Berechtigung habe, gleichkäme, und er-suchte den Präsidenten, dies auszusprechen, was auch geschah.
Hildegard's Vertheidiger rccapitulirte alsdann die Verdachtsmomente, welche er mitebenso viel Glück als durchaus unzutreffend, unstichhaltig und sehr gewagt, lediglich durchdie Rache dictirt hinstellte, und denen er das offen wie ein Buch daliegende Vorlebender Angeklagten gegenüberhielt, welches auch nicht den leisesten Makel an ihr entdeckenlasse. —
„Im Gegentheil, meine Herren Geschworenen ", sagte er, „Sie haben hier ein jungesMädchen vor sich, dessen ganze Vergangenheit, dessen aufopfernde Thätigkeit für seinenerblindeten Vater und seinen jungen Bruder reichlich für seinen sittlichen Werth spricht.Hildegard Becker ist in ihren: still-bescheidenen Wirkungskreise eine Heldin und unserAller Bewunderung werth! — Man mußte hier einen Sündenbock haben, und Rache»Haß und Neid verbanden sich, ihn in dem schuldlosen Opfer der Verhältnisse zu suchen