und zu finden!— Gott mag wissen, wer diesen Diebstahl verübt hat; Hildegard Beckerhat ihn nicht verübt! — Davon bin ich, davon sind Sie, meine Herren Geschworenen,davon ist auch — ich glaube es sest — der hohe Gerichtshof überzeugt, und ich bitteSie, die schuldlos Angeklagte kostenlos freizusprechen!"
Und Hildegard ward freigesprochen — unter donnerndem Applaus des Pub-likums, einstimmig, trotz einer Replik des Staatsanwalts, der der Vertheidiger nur alsDuplik erwiderte:
„Ich habe dem bereits Gesagten nichts mehr hinzuzufügen!"
Freigesprochen! -
Wie beseligend klang dies Wort in Hildegard's Ohr! — Sie konnte zu ihren!Vater, ihrem Bruder zurückkehren und wieder, wie früher, für sie arbeiten.
Das arme Kind ahnte nicht, daß trotz Alledem nun ein böser Makel an ihr haftete ;sie wußte nicht, was es heißt, als Angeklagte eines entehrenden Verbrechens vor denSchranken eines Schwurgcrichtshofes gestanden zu haben! — wußte nicht was es heißt,wegen ungenügender Beweiskraft freigesprochen zu sein! — Sie wußte auch nicht, daßjener böse Makel so lange an ihrem Namen haften werde, als der wirkliche Dieb nichtgefunden werden konnte.
Der Sitzungssaal hatte sich geleert. Hildegard wurde von ihrem alten, treuenLehrer, dem Maler Krelle, ihrem blinden Vater zurückgebracht. Es war ein Wiedersehenvoll Freude und Thränen; auch William Walter kam noch an demselben Tage, um Hilde-gard zu ihrer Freisprechung zu gratuliren. Mit einfachen, innigen Worten dankte dasgluthübergoffene Mädchen dem jungen Mann für Alles, was er für sie gethan. EinenMoment hielt William die Hand des schönen Mädchens in der seinen, sein Blick,vollTrauer und doch voll unermeßlicher Liebe ließ sie die Augen niederschlagen, während ihreHand leise erzitterte. Gewaltsam kämpfte er seine Erregung nieder.
„Den „Murillo" kann ich nun nicht für Sie copircn", sagte bitter lächelnd Hilde-gard; „überhaupt werde ich in der Galerie nicht mehr arbeiten können, denn ich glaubekaum, daß man es gestatten würde, wollte ich auch darum bitten."
„So malen Sie mir irgend Etwas", erwiderte der junge Consul, „aus eigenerPhantasie oder Idee! — Ich bin fest überzeugt, Ihr Talent wird Sie etwas rechtGutes, Ansprechendes schaffen lassen."
William war nicht zu bewegen, die Summe wieder zurückzunehmen, welche er da-mals als Bestellgeld für die Copie des „Murillo" gezahlt hatte, so dringend Hildegardund ihr Vater ihn auch baten. Unberührt lag das Geld noch da; der arme Maler hieltsich ohnehin dem jungen Consul tief verschuldet für Alles, was dieser im Interesse seinerTochter gethan hatte — und das war in der That auch nicht wenig gewesen.
Die Senatorin Erkens, für welche Hildegard die „Tochter Tizian'S" gemalt hatte,verdoppelte die versprochene Summe, denn die Arbeit der jungen Künstlerin war in derThat eine Meisterleistung geworden.
Vor der ersten Noth war die Familie Becker nun geschützt. Sie hatte die engeWohnung in dem obscuren Stadtviertel verlassen, denn es war Hildegard unmöglich, diehämischen Blicke und lieblosen Worte der Nachbarschaft, welche sie immer noch für dieDiebin des „Murillo" hielt, länger zu ertragen. Die Senatorin Erkens hatte ihr einkleines Atelier einrichten lassen in der neuen Wohnung; sie war offen Hildegard's Gön-nerin geblieben und hatte ihr versprochen, sie auf's Wärmste unter ihren Bekannten zuempfehlen.
Hildegard arbeitete fleißig. Allein seit dieser Unglückszeit schien ein dunkler Schattenauf dem sonst so sanft-zufriedenen Mädchen zu liegen; sie war still, und ihre Unterhaltungmit dem Vater beschränkte sie auf das Nothwendige; stundenlang saß sie oft nachdenklichda, und obgleich ihre äußere Lage jetzt ungleich günstiger war, denn je zuvor, ward siedoch von Tag zu Tag bleicher.
William Walter hatte Hildegard seit dem Tage ihrer Freisprechung nicht wieder-