Ausgabe 
(27.10.1880) 34
 
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gesehen; sie hatte immer auf seinen Besuch gehofft, allein vergeblich. Sie schalt sich eineThörin, daß sie einen Augenblick nur geglaubt, mehr als gewöhnliches Mitleid habe ihnveranlaßt, so wie er gethan zu handeln. Und doch wieder sagte ihr das Herz, daß esmehr sei als Mitleid, was aus seinen Augen so oft zu ihr gesprochen; aber das be-rechtigte sie ja noch keineswegs, seligen, hoffnungsreichen Träumen sich hinzugeben, wiesie es trotzdem that gegen ihren Willen that, und so folgte denn auf die kurze Zeitseligen Glücks und Liebeshoffens bittere Enttäuschung; von William Walter hörtesie nichts, und er ließ sich auch nicht bei ihnen sehen.

Nun begann Hildegard sich wieder Vorwürfe zu machen, daß sie der großen Kluftnicht gedacht, welche zwischen ihrer und des jungen Consuls socialer Stellung lag; sieeine arme Malerin, er der reiche Kaufmanns- und Hamburger Patriciersohn, was konntensie gemein haben? Und wenn er wirklich tiefer für sie empfunden, konnte sie es ihmverargen, wenn seine Vernunft endlich groß genug war, das Thörichte einer solchen Liebeeinzusehen? Mußte sie ihm nicht im Gegentheil dankbar sein, daß er sie nicht mit Liebeverfolgte, da er ja doch kein ernstliches Band für's Leben mit ihr knüpfen konnte?

Ein reizendes kleines Genrebildein Pracht- und Cabinetstück", wie FreundKrelle enthusiastisch versicherte hatte sie für William Walter in Arbeit, um ihre Schuldgegen ihn zu tilgen. Manche kleine Gemälde hatte sie vortheilhaft verkauft und damitjede Sorge aus dem kleinen Haushalt gebannt.

Der arme blinde Vater schüttelte wohl oft den Kopf über die Veränderung, welcheseit der Verhaftung, wie er glaubte, mit seinem Kinde vorgegangen war. Wenn er insie drang zu vergessen, was nun einmal sich nicht ändern lasse, ihr sagte, wie sie dochvon allen ihren Freunden unb Bekannten- noch ebenso geachtet sei, wie früher, ehe einVerdacht auf sie gefallen; dann schmiegte Hildegard sich an den Vater und sagte ihm,daß sie ja ganz zufrieden und glücklich sei, und Becker sah nicht "die thränenumflortenAugen, welche ihre Worte Lügen straften.

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Auch im Hause des alten Generalkonsul Walter war Manches anders geworden.

Der noch vor wenigen Monaten so rüstige Greis war sichtlich zusammengesunken,und eine nervöse, auch in seinen Zügen erkennbare Unruhe beherrschte ihn. DieFrauConsulin" hatte Vieles von ihrer so wohleonservirten Frische und von ihrer bisherigenguten Aussehen vorloren, und das strenge Gesicht war noch kälter, gemessener geworden,peinlicher noch als früher beobachtete sie die große Sorgfalt auf alles Aeußerliche.

Auch William war vorwiegend ernst und nachdenklich; nur Eugenie Delahaye war

wie sie immer gewesen auch jetzt noch das sorglose, glücklich launenhafte Wesen.

Die seit beinahe einem Jahrhundert bestehende FirmaW. Walter äk Sohn"war in ihren Grundvesten erschüttert; Schlag auf Schlag waren die Hiobsbotschafteneingetroffen, und Häuser, welche bis dahin unzweifelhaft sicher gestanden hatten, warenin den Sturz anderer mit hinein gerissen worden. Von Tag zu Tag düsterer unddrohender gestaltete sich der Horizont der Handclswelt; der heute noch stolze, selbst-bewußte Kaufherr konnte morgen, übermorgen zum Bettler geworden sein durch denFall Anderer.

Es war eine commcrcielle Krisis hereingebrochen, wie selten, und der Herd der-selben lag rüben, düber dem Ocean, in Amerika . Kein Freund traute fast mehr demandern in der Handelswelt, der Credit war abgeschnitten, das Kapital hielt zurück, dennJeder mußte selbst für alle Eventualitäten gewappnet sein. Anfänglich waren es nurunbedeutende Verluste gewesen, welche das HausW. Walter L Sohn" getroffen hatten,doch immer häufiger sich wiederholend und immer empfindlicher wurden sie, und endlichstand auch das alte, solide Haus vor einer drohenden Krisis.

Schweigsam saßeir, Vater und Sohn im Zimmer des Ersteren sich gegenüber. DerTelegraph hatte eben wieder den für diese schwere Zeit zehnfach empfindlichen Verlust