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Grabes" bei Bürgers- und Bauersleuten am Charsamstage Ostereier. Später wurdensie bloße Singknaben auf dein Chor, wurden aber ihres geringen Singeifers wegen häufigdurch Mädchen ersetzt.
, Der Gebrauch, daß an den deutschen Schulen die Schüler der oberen Klasse durch
den „Rektor" in der lateinischen Sprache unterrichtet wurden, erhielt sich bis in das! gegenwärtige Jahrhundert herein. Bis zum Jahre 1825 wurde an den bayerischen
p Städteschulen theilweise darauf gesehen, daß der zeitliche Rektor eine derartige Bildung
j besaß, daß er Knaben, die sich später dem Studium zu widmen gedachten, in den An-
! fangsgründen der lateinischen Sprache unterrichten konnte. Auch die Schuldisziplin war
bei Beginn unseres Jahrhunderts noch eine sehr schwankende und hing lediglich von derFähigkeit, dem Pflichteifer und der Liebe des einzelnen Lehrers zu seinem Amte ab. Ein! positiver Schulzwang war noch nicht vorhanden; daher wurde von vernachlässigten Kindernder Schulbesuch entweder ganz unterlassen oder war so mangelhaft, daß sie es nichteinmal zum Lesen oder Schreiben brachten; von einem höheren Unterrichte war ohnehinnicht die Rede, wenn wir wissen, daß nach dem Lehrplane der Jesuiten selbst an denGymnasien und Mittelschulen ein Unterricht in der Geschichte erst seit dem Jahre 1725ertheilt, in der Mathematik lange Zeit bloß die Elemente der Arithmetik gelehrt wurden,physikalische Versuche und Unterricht in der Welt- oder Sternkunde gar erst seit 1754sich finden. Daß in den „deutschen" Schulen die deutsche Sprache wenig gepflegt wurde,wissen wir bereits; die deutsche Sprache hatte sich noch nicht zur Würde einer Bücher-sprache gebildet und erhoben. Erst dann, als durch Opitz, Kaniz die deutsche Spracheemporkam und Gellert, Hagedorn, Kleist und Klopstock Meisterwerke in deutscher Spracheschrieben, fingen auch die Jesuiten an, in ihren Mittelschulen die deutsche Sprache nach^ Regeln zu lehren und ihre Schüler in deutschen prosaischen Aufsätzen und deutscher Dicht-kunst zu üben. Erst 1717 schrieb der Jesuit und Professor der Logik in Jngolstadt,k Fränklin, seine „Anfangsgründe der deutschen Sprache"; ein Gleiches that der JesuitWeitenauer.
Wie die alte verjährte Unterrichtsmethode, so erhielten sich auch verschiedene alteGewohnheiten des 15. und 16. Jahrhunderts bis in das gegenwärtige Jahrhundert herein.So, um nur einige namhaft zu machen, das sogenannte Eselreiten, das Hinaussitzen aufden Schandplatz, wobei dein Sträflinge lange Eselsohren aus Papier aufgesetzt wurden,das Ohrenzausen, das Beuteln an den Haaren u. s. w. Bei Beginn der Fastnachts-fcicrtage fand das sogenannte Auspeitschen statt; es wurde nämlich eine Bank vor dieSchulzimmerthüre gestellt, durch welche jeder Schüler einzeln kriechen mußte, wobei ihmder Lehrer mit einem Stückchen einige Hiebe gab. Jeder Schüler zahlte dabei einenAuspeitschkreuzer. Indem an diesen und ähnlichen Mißbräuchen zähe festgehalten wurde,ist leider ein guter, für die Gesundheit der Schüler sehr vorlheilhafter Gebrauch der, der früheren Jahrhunderte verloren gegangen, der Gebrauch der sogenannten Schulbäder.
! Das Baden war im Mittelalter allgemeine Sitte wie Schröpfen und Aderlaß,
j und war bei der in den Wohnungen herrschenden Unreinlichkeit zur Gesundheit sehr noth- -> wendig. In den Städten wurden eigene Badestuben errichtet, in welchey die Geschlechter! getrennt badeten, und wo Zugleich geschröpft und zur Ader gelassen wurde. Man badete1 gewöhnlich des Sonnabends. Eine Hochzeit wurde nicht gefeiert, bevor nicht Braut nndi Bräutigam und alle Hochzeitgäste gebadet hatten. Alle Sonnabende zogen die Lehrlinge
w der Bader mit klingenden Becken durch die Straßen, um zum Baden aufzufordern.
! Selbst das kleinste Städtchen hatte seine zwei bis drei Badestuben. Während die er-
wachsenen Personen am Sonnabend in die Badestuben gingen, um sich zu reinigen,wurden für die Schulkinder allenthalben am Donnerstag Nachmittags die Vadestubenbereit gehalten; doch verlor sich diese lobenswerthe Sitte schon gegen Ende des 16. Jahr-hunderts. (Südd. Pr.)
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