Ausgabe 
(30.10.1880) 35
 
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Äugslmrger Postzcitimg."

Nr. 35. Samstag, 30. Oktober 1880.

Treu, wie die Tugend, hält der Frevel sein Versprechen;

Was Leidenschaft gesä't, gedeiht nur im Verbrechen;

Und aus Verbrechen reist die inn 're Sklaverei.

Tiedge.

Hildegard.

Criminal-Novelle von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Auch William kannte sehr wohl dieses Mittel der Rettung und wußte, daß es daseinzige war, das zu ergreifen ihn indessen Niemand zwingen konnte noch wollte. Einschwerer Kampf hatte schon lange in seinem Innern getobt; er liebte Hildegard nochimmer, mehr vielleicht denn je, da ihr Besitz ihm jetzt unerreichbar erschien. Er hattesie seit dem Tage der gerichtlichen Entscheidung nicht wiedergesehen, sie vergessen wollen;je näher indessen die Stunde der Entscheidung kam, desto mehr fühlte er, wie namenlosunglücklich er werden mußte, wenn er um die Ruhe seiner Eltern und der Ehre seinesHauses willen seine Liebe zu Hildegard opferte und Eugenie zu seiner Gattin machteEugenie, die er nicht liebte, kaum achten konnte, wenigstens so nicht, wie der Gatte dieGattin achten soll.

Und würde überhaupt Eugenie ihn zum Gemahl haben wollen, ihn, der seitherstets so streng, so kalt gegen sie aufgetreten war? Ein fester, durch die Verhältnissedringend gebotener Entschluß schien jetzt in ihm zur Reife gekommen; er konnte nichtlänger die Qualen seines Vaters mit ansehen, mußte der Mutter, die im großen Ganzendas Mißgeschick der Firma noch nicht kannte, den furchtbaren Schlag, den grenzenlosenKummer ersparen. Konnte er so herzlos sein, die Rettung Aller um eines Traumeswillen von sich zu stoßen? > Nein und abermals nein!

Vater", sagte er gepreßt und die hohe Stirn mit Schweißperlen bedeckt,ichweiß, daß es nur ein Mittel gibt, uns schnell und sicher aus allen Verlegenheiten zuziehen; es ist das meine Verbindung mit Eugenie Delahape ... Nun wohl, Vater,ich will um ihre Hand werbe» i ch werde sogleich zu ihr gehen. Ob sie meine Werbung,ob sie meine Hand annehmen wird ich weiß es nicht; allein ich will thun, was ichjetzt für meine Pflicht halte, um unseres Namens willen."

William, ich danke Dir!" rief überglücklich der alte Herr.Geh' zu Eugenie;sie liebt Dich glaub' es mir und wird Dich nicht abweisen!"

Schnell verlies; William das Cabinet des Vaters, um die schöne Creolin aufzusuchen.Draußen meldete ihm ein Diener, daß für den Herrn Vice-Consul ein Bild soeben ge-bracht worden sei und auf seinem Zimmer liege. Dorthin ging William zunächst.

Es war Hildcgard's eigens für ihn gemaltes Bild, das ihm, auf einem Fautcuilstehend, gleich beim Eintreten in's Auge fiel. Gerade in diesem Augenblicke mußteihm diese Erinnerung werden! gerade jetzt, nachdem er mit Mühe nur und unterAufbietung all' seiner moralischen Kraft endlich den muthigen, seine Eltern rettenden,