Ausgabe 
(30.10.1880) 35
 
Einzelbild herunterladen

274

seine eigene Zukunft, sein Glück vernichtenden Entschluß gefaßt! Lange ruhten seineAugen auf der genialen, kunstvollen Arbeit. Ja, Hildegard war eine wahre, eine gott -begnadete Künstlerin geworden, das sah er in dieser Originalarbcit, ihrer eigenstenConception. Und gerade in dem Augenblick, wo er die höchste Bewunderung für sieempfand, muhte er ihr der Heißgeliebten entsagen für immer?!

Tiefseufzend verließ er sein Zimmer. Noch heute mußte Alles im Klaren seinzwischen ihm und Eugcnie er hatte es seinem Vater versprochen.

Im Palmenhaus wußte er um diese Zeit die Creolin sicher zu finden, dorthinwandte er sich. Eugenie lag, ihrer Lieblingsgewohnheit gemäß, auch jetzt in der Hänge-matte und las in einem Buche. William erkannte am Einband, daß es Gorthe war.Er hatte bis dahin nicht gewußt, daß sie sich mit deutschen Classikern beschäftige, über-haupt in letzterer Zeit sich sehr wenig um ihr Thun und Treiben gekümmert.

Das enganschließende blaue Seidenkleid verrieth die wundervollen Formen, un-beobachtet, wie sie sich glaubte, sahen die reizend kleinen, den Creolinnen eigenen Füßeunter dem Saum des Kleides hervor. Es war ein wunderbar schönes Weib, und auchWilliam mußte sich gestehen, daß ihre Erscheinung die vollendetste sei, die er je gesehen. Ein absichtliches Geräusch, das der junge Mann machte, ließ die Creolin langsamihre Augen vom Buche erheben. Leichte Nöthe färbte ihr mattweißes Gesicht, und diedunklen Augen ruhten fragend auf dem Eingetretenen.

Sie lesen unsere Dichter, Eugcnie?" Er trat etwas näher; der Ton seinerFrage hatte die Befangenheit erkennen lassen, die ihn für den Augenblick beherrschte,

Ja", entgegnete sie,und ich finde sie gar nicht so langweilig, als ich erst geglaubt.Doch was führt Sie zu mir, William?"

Sie sprach ernst weit ernster, als gewöhnlich, das stereotype spöttische Lächelnwar aus dem reizenden Gesichtchen gänzlich verschwunden. William ward zuversichtlicherdurch ihr ihm neues Benehmen, um so mehr, als er gefürchtet hatte, von dein herzlosenEeschöpfchen höhnisch verlacht zu werden. Er hatte sie noch nie so ruhig sprechen gehört.

Eugenie, wollen Sie mir einige Augenblicke Gehör schenken?" fragte er ruhigund jetzt ganz wieder Herr seiner Empfindungen.

Mit anmuthiger Handbewegung lud sie ihn ein, an ihrer Seite auf einem be-quemen Rohrsessel Platz zu nehmen.

Ich weiß nicht, Eugenie, ob Ihnen bekannt ist", begann William,daß Ihr HerrVater und meine Eltern seit langer Zeit schon den Wunsch hegen, uns Beide zu ver-binden?"

Ein flüchtiges Noth glitt über die Züge der Creolin. Mit dem Spitzenbesatz ihresKleides spielend, nickte sie langsam mit dem Kopf, ohne die Augen dem Fragendenzuzuwenden. Dieser fuhr befangen fort; er hatte geglaubt, daß sie seine Mittheilungganz anders anfnehmen würde.

Ich muß ganz offen sprechen, Eugenie; darf ich das auch, auf die Gefahr hin,daß Sie in meiner Mittheilung etwas Sie Verletzendes finden sollten?"

Ein Schatten flog über Ihr Gesicht, allein nur für eines Augenblicks Dauer:dann entgegnete sie mit leicht zitternder Stimme:

Ich bitte dringend darum."

Jeder andere Mann, Eugenie, würde überglücklich sein, Sie zu besitzen, würdesie lieben als sein theuerstes Kleinod, doch ich liebe ein armes, anspruchloses Mädchenliebte dieses, ehe ich Sie kennen lernte, Eugenie!- Sie verdienen die Liebe einesMannes »»getheilt zu besitzen; ich kann Ihnen mein Herz nicht bieten mit meinerHand . . . ."

Die feinen Finger der Creolin zerrten leidenschaftlich an den kostbaren Spitzen,ihr Busen wogte, ein Blick glühender Leidenschaft streifte den jungen Mann doch ihrMund blieb stumm, sie hatte sich schon beherrscht, und ein leichtes Neigen ihres Kopfeslud ihn ein fortzufahren.