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Unendlich schwer ward es William Walter, den Stolz des — wie er sah — bereitsbeleidigten Weibes noch weiter zu verletzen, noch tiefer zu kränken; doch mußte er einmaloffen sein, so wollte er es auch im ganzen Umfange sein. Er wollte nicht in ihren wiein seinen eigenen Augen als ein gewissenloser Schurke dastehen, keine Täuschung zwischensich und ihr bestehen lassen, sie sollte und mußte Alles wissen, was in ihm vorging;wollte sie dann noch und so wie es war sein Weib werden, nun wohl, dann hatte erwenigstens seine Schuldigkeit gethan, hatte sich keine Vorwürfe zu machen. Ihr Liebezu heucheln, das wäre er bei seinem geraden, ehrlichen Charakter nie im Stande gewesen;mochte lieber Alles zu Grunde gehen, mochten Ruinen rings ihn umgeben — nur vorseinem eigenen Gewissen mußte er rein, makellos, ein Ehrenmann dastehen. ,
„Ich kann Ihnen das Bittere meiner Worte nicht ersparen, Eugenie, die Notli-wendigkeit drängt mich dazu mit übermächtiger Gemalt. Wäre dem nicht so — ich hättegeschwiegen. — Unsere Verbindung ist der einzige Rettungsweg, um unser Haus vor demdrohenden Sturze zu bewahren. Ihr Vater hat zwar unter der herrschenden ungeheuernCalamität auch Verluste gehabt, doch sie sind Nichts im Vergleich zu den unserigen, diewir in engster, fast ausschließlicher Verbindung mit Nordamerika stehen, was bei IhremHause keineswegs der Fall ist. Wir wollen und können von Herr Delahaye Hülfe nurdann verlangen, wenn unsere Interessen Eins sind. — Eugenie, ich biete Ihnen meineHand, wenn sie mit der Rücksicht zufrieden sind, die jeder Ehrenmann seiner Gattinschuldet. Mehr kann ich Ihnen nicht bieten." — —
Eine kleine Pause entstand. William bebte; hätte das junge Mädchen ihn mitZorn und Entrüstung abgewiesen, es wäre ihm willkommen gewesen, aber der still-schmerz-liche Zug in ihrem Gesicht that ihm weh. Sie war augenscheinlich nicht mehr das muth-willige Mädchen von früher, sie war ein fühlendes Weib geworden, dessen natürlicher,legitimer Stolz in empfindlichster Weise verletzt war. Groß und ernst sah sie in William'serwartungsvolle Züge.
„Ich danke Ihnen, William, für Ihre Offenheit", sagte sie. „Sie sind edel, sind.ein ganzer Mann und ein Ehrenmann und sollen sich nicht in mir täuschen. Doch mußich mir Bedenkzeit erbitten — einige Wochen nur, dann sollen Sie von mir eine ebensooffene Antwort haben."
Er erfaßte die feine Hand und drückte einen Kuß darauf — voller Ehrfurcht, wieer es noch nie gethan. Er hätte nicht ein feinfühlender Mann sein müssen, wie er eswar, um nicht zu wissen, wie tief er das Weib in ihr verletzt, wie edel, wie hochgesinntsie jetzt ihm gegenüber handelte. —
Zwei Monate etwa waren vergangen. Der Frühling war eben im Beginn, alseines Nachmittags bei herrlichem Wetter vor der Villa Waller in Pöseldorf ein Wagenhielt, aus welchem ein alter, noch rüstiger Herr stieg; ein schwarzer Diener in Livrsbegleitete ihn.
Es war Herr Delahaye, Eugenie's Vater, den sie durch ein Telegramm herüber-gerufen hatte. — Nach den ersten freudigen Begrüßungen seitens der alten Freundezogen sich Vater und Tochter zurück. Lange blieben die Beiden unsichtbar. Dann er-schien der schwarze Diener und ersuchte Herrn William Walter, zu Eugenie's Vater zukommen.
Mit pochendem Herzen trat der Vice-Consul in das Zimmer der schönen Creolin;die Entscheidung mußte ja nun kommen.
William hatte sich in der letzten Zeit fast mit dem Gedanken versöhnt, Eugeniezur Frau zu nehmen — oder von ihr zum Manne genommen zu werden: sie erschienihm jetzt noch weniger herzlos als früher, und wenn er auch das häusliche Glück nichterwarten zu können glaubte, welches Hilgegard ihm gewährt haben, würde, so hoffte erdoch an Eugenien's Seite ein friedlich-ruhiges Zusammenleben zu finden, doch hielt eres andererseits kaum für möglich, daß sie ihn nach dem zwischen ihnen Vorgegangenensetzt noch nehmen, ihn als ihren Gatten noch begehrenswerth finden würde.