Ausgabe 
(30.10.1880) 35
 
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Die Kronenleuchter begannen mit der Decke zu schwanken, und der Parguetbodcn bebteund zitterte unter den Füßen der Tanzenden. Laute SchreckenSrufe erschollen, die Musikschwieg, Freude und Heiterkeit auf den Gesichtern verschwanden, um dem Ausdrucke derentsetzlichsten Angst Raum zu geben. Die ganze Menge der Anwesenden wälzt sichder einzigen Thüre zu. In diesem verhängnißvollen Augenblicke stürzt ein Herr mitbewunderungswürdiger Geistesgegenwart allen Andern voran zur Thüre, schlägt sie zu,verriegelt sie und wehrt Jedermann den Ausgang. Da keine neue Erschütterung mehrfolgte, so beruhigten sich die Gemüther, und, Dank der südlichen Leichtlebigkeit, tanzteman bis zum Morgen weiter. Sobald ein Erdbeben sich bemerkbar macht, eilt Allesaus den Häusern heraus. Trifft es sich, daß die unheimlichen Naturkrüste gerade zurNachtzeit entfesselt werden, dann bietet sich ein höchst pittorekes Schauspiel dar. Dieganze Bevölkerung läuft im Nachtcostume hinaus; man schreit, gestikulirt, und die Mehr-zahl liegt auf den Knieen, den Himmel mit Bitten bestürmend, die drohende Gefahr ab-wenden zu wollen. Man sollte denken, diese so häufigen Mahnungen drohender GesahGwürden wenigstens ihren Einfluß auf die Bauart der Häuser geltend machen. Aber auchdas nicht. Die Construction der Gebäude ist mehr elegant als solide. Das wohlhabendeStadtviertel besteht fast nur aus Gcbäulichkeiten, zu deren architektonischem SchmuckeUnsummen verschwendet worden. Ein Bewohner desselben hat sich bei der Errichtungfeines Palais alle erdenkliche Mühe gegeben, dasselbe ganz genau der Alhambra inGranada nachzubilden. Diese Copirung erstreckt sich auf die Mauern, auf die Decken,selbst bis zu den Löwen am Springbrunnen zu.

Chile hat es verstanden, seit Abschüttelung der spanischen Herrschaft sich fast voll-ständig von innern Stürmen und Revolutionen, die in den übrigen Republiken an derTagesordnung sind, freizuhalten. Seit mehr als vierzig Jahren folgen sich die alle sechsJahre neuzuwählenden Präsidenten, ohne blutige Bürgerkriege hervorzurufen. Ob dieserZustand, dessen Früchte sich in Chile auf vortheilhafte und in sichtlicher Weise den andernRepubliken gegenüber zeigen, auf die Dauer Stand halten wird, läßt sich allerdingsbezweifeln. Schon bei den letzten Wahlen tauchte eine neue politische Gruppe aus, diesich Socialisten nennt und an Boden Zu gewinnen scheint. An der Spitze dieser Partei

wenn man die Leute so bezeichnen darf steht ein gewisser Vicuna-Makenna, einMann von unbestreitbaren Anlagen. Die Haupthelden gehören dem Advocatenstande an,sie sind jung, ehrgeizig, heftig und ohne Clienten. Sie suchen eben in der Politikund durch die Politik Stellung und Vermögen zu erwerben. Ihr Bestreben geht darausaus, das Voll für ihre Ideen zu gewinnen, und sie benutzen seine politische Unerfahren- -heit und Unreife zum Kampfe gegen die Bourgeosie, welche in Chile durchaus das conser-»ative Element vertritt. Das Hauptschlachtroß dieser Volksbeglücker, in denen man einefrappante Ähnlichkeit mit den gegenwärtigen französischen Wortführern finden dürste, istder Feldzug gegen die Geistlichkeit, welche sich in Chile bedeutender Privilegien erfreut.Wenn jene Herren noch mehr Macht gewinnen, so konnte es gar leicht geschehen, daßChile nach Beendigung des äußern Krieges den innern finden würde, der lamm l<,uuittur

noch weniger Segen bringt als der auf blutigen Schlachtfeldern. (Kln. Volköztg.)

HervsteSrauscher,.

Einsam wal? ich und allein

Alles fliehn und sterben will,

Und im Herzen wird es still,

Und das Ohr mag gerne lauschen,Wie das All verlassen trauert;

Lang durchschancrtSagt das Herz sich ahnungsccich:Menschenglück nnd Herbstesruuschen,Ach, wie seid ihr euch so gleich!

»ernstlich öde, trübe Neige;Traurig rauscht es durch di

raurig rauscht es durch die Zweige,Dunkel hüllet Feld und Hain.

yuuer Obi'-' uilv

Vorn bewölkten Himmel drobenSendet spöttisch seinen GrußMir der Sturm mit tollem Toben,Welke Blätter tritt mein Fuß.

(Aus: Paul Schönefeld'sDichtungen." Stuttgart , Mehler.)