278
Izu entwerfen von den Reizen des hochmalerischen Panorama's. Unten einAugeven die gewaltige Kette der Anden (CordilleraS de los Andes heißt sie der Ein-Svne, Cordillerasketten), eine fortlaufende Reihe hochragender Bergkuppen und Vulcane.^n 5000 bis 6000 Meter bildend, deren Gipfel sich in die Wolken verlieren. Hierund da ragt eine Spitze über das Wolkenmeer hinaus, und wunderbar erglänzt dann derSchnee auf derselben, beleuchtet durch die Strahlen der Sonne in herrlichen, rosigenFarbentönen, welche je nach der Stunde des Tages wechseln. Die Bahn steigt nun nachSaut Jago hinab, das aber immer noch 600 Meter über dem Meere liegt. Dieserseiner hohen Lage, sowie der Nähe kolossaler Gletscher in den Kordilleren, verdankt dieHauptstadt ein in der Regel gesundes Klima. Den Pocken freilich sielen 1876 unter150,000 Einwohnern nicht weniger als 8000 zum Opfer. Die niedern Klassen, welcheam meisten darunter leiden und zusammengepfercht in engen, schmutzigen, schlecht gelüftetenRäumen leben, sind kaum zum dritten Theile geimpft. Ein Gesetz, welches den Impf-zwang einführte, wäre hier am Platze, vorausgesetzt, daß nicht die Gegner des Impf-zwanges Recht haben. Dein Freiheitsgefühle der Chilenen dürfte ein solches Gesetz kaumpeinlich sein, nachdem die Republik ein Decret erlassen hat, wonach es der Polizeibehördeanheimgestellt ist, vorkommenden Falles zur Verschärfung der Gefängnißstrafe die Ba-stonnade anzuwenden. Es ist das eine Verordnung, die sich vielleicht nicht ganz mit demdemokratischen Bewußtsein des Republikaners verträgt, jedenfalls aber bei uns in Deutsch-land gegenwärtig bei Richter und Polizei viel Shinpathieen finden dürfte. Der Anblickder Vorstädte, durch welche die Bahn führt, ist durchaus nicht einladend. Sobald mansich jedoch dem Mittelpunkt der Stadt nähert, verschwindet der weniger gute Eindrucksofort. Breite, schöne Straßen, große Plätze,. elegante Läden, schöne Gebäude, belebteBoulevards und allüberall ein buntes Wogen und Treiben. Des Fremden Neugierdeund Interesse wird sofort durch den St. Lucia-Felscn angezogen und gefesselt. Mittenin der Stadt, die selbst in der Ebene am Fuße der Kordilleren liegt, erhebt sich dieserBerg, einen einzigen, großen, schönen Garten voller Abwechselung bildend. Man sollteglauben, eine riesige Nürnberger Spielschachtel habe sich entleert und ihre Schätze dortausgebreitet. Befestigte Schlösser, sprudelnde Springbrunnen, lauschende Kiosks, schwebendeZugbrücken, zierliche Häuschen, ernste Eremitagen, steile Treppen, glänzende Weiher, kurzunter freiem Himmel ein ganzes Museum..von allen Arten dekorativer Kunst, umgebenmit öffentlichen Promenaden. Auf dieser Höhe befindet sich geradezu alles, was mannur suchen kann, ja selbst eins Kirche, eine Bibliothek, ein Restaurant und — einsSchwimmschule. Schon der Eingang, an dem man seine 25 Pfg. Eintrittgeld bezahlt,ist höchst originell. Der Empfänger sitzt nämlich in: Innern jener ersten Kutsche, welchedie Spanier in das Land brachten. Ein breiter Weg, in Schlangenlinien angelegt, er-laubt die Auffahrt bis zur Höhe, von wo eine prächtige Ausschau auf das hochromantischePanorama sich darbietet.
So herrlich Klima und Gegend aber auch sein mögen, ein Mischer Feind drohtimmer mit Verderben und Zerstörung, wenigstens mit Schrecken. Es war im Dezembereine große Zahl der Einwohnerschaft befand sich in der Kirche de la Campania,al- ganz urplötzlich ein Erdbeben sich bemerkbar machte. Die Kerzen sielen um undsetzten die Dekorationen an den Wänden und auf den Altären in Brand. In wenigenMinuten stand alles in Flammen. Ein unglücklicher Zufall wollte, daß daS Hauptportalder Kirche geschlossen war. Die entsetzte Menge eilte in jäher Flucht den schmalenSeitenrhnrcn zu, die nur zu bald vollständig von Menschen zugepfropft waren; so ver-brannten mehr als 2000 Personen hilflos zugleich mit der Kirche. An der Stelle, wosich das furchtbare Drama abspielte, erhebt sich heute ein Monument, überragt von einerBronzcstatue, welche die Hände flehend zum Himmel ausstreckt, als wollte sie um Er-barmen bitten für die unglücklichen Opfer. 1875 fehlte nicht viel zu einem Unglückeähnlicher Art. Ein solenner Ball wurde in dem großen Saale des Theaters abgehalten,als plötzlich das Nerven erschütternde Geräusch eines Erdbebens sich bemerkbar machte.