Chile. "tbodcn bebte
Unter den drei kriegführenden Republiken Peru , Bolivia und Chile h die Musikletztere bisher als die energischste und tapferste gezeigt. Ob Chile, wie seine'>cke derbehaupten, den Krieg mit Absicht herbeiführte, oder ob Peru und Bolivia, dem n. sichaufstrebenden Chile neidisch und mißgünstig, auf ihre scheinbar größere Macht pochendden unseligen Streit begannen, mag dahingestellt sein. Jedenfalls haben sich die Ver-bündeten in ihrem Gegner bitter getäuscht. Während Chile 6240 Qu.-Meilcn Flächen-raum mit etwa 2,000,000 Einwohner (ohne Araucaner und die Colonisten in Pntagonienund im Feuerland) besitzt, hat Peru allein nach officieller Angabe 29)162 Qu.-M eilenFlächeninhalt und gab 1871 seine Einwohnerzahl auf 3,199,000 Seelen an, eine Ziffer,die jedoch sicher zu hoch gegriffen ist. Bolivia soll bei 40,000 Qu.-Meilcn Flächen-Jnhalt (hierunter allerdings sehr bedeutende Wüstenstrecken) höchstens 2,000,000 Ein-wohner zählen. Jedenfalls steht Chile den Verbündeten bedeutend an Größe und Ein-wohnerzahl nach; es ist aber thätiger, energischer und glücklicher, es machte wenigerRevolutionen und strebte überhaupt danach, auf die Höhe europäischer Cultur sich zu er-heben. Der Chilene, sagt Graf Ursel in seinem interessanten Buch über Südamerika ,ist mit ganzer Seele Patriot. Er liebt sein Vaterland und zeigt bei jeder Gelegenheit,daß er stolz auf dasselbe ist. Mit Eifer macht er sich die Ideen der Civilisation undder Besserungen auf jedem Gebiete zu eigen, sobald er von der Zweckmäßigkeit derselbensich überzeugt hat. Er setzt eine Ehre darein, Kunst, Wissenschaft und Literatur zu liebenund zu hegen. Die Pflege dieser geistigen Gebiete wird immer allgemeiner, und manmuß gestehen, daß der Chilene entschieden angelegt ist, Tüchtiges hierin zu leisten. Wiedie Zeitungen jüngst meldeten, ist man selbst unter dem Lärm des mit erneuter Wuthtobenden Krieges damit beschäftigt, in Valparaiso eine bedeutende Ackerbau-Ausstellungin's Leben zu rufen.
Chile hat, wenn man so will, zwei Hauptstädte, Valparaiso , die bedeutendste Hafen-stadt an der ganzen Westküste Südamerika's, und Santiago oder Saut Jago (St. Jacob),der Sitz der Regierung der Republik. Valparaiso ist in weitem Bogen um die breiteMeeresbucht herum in amphitheatralischer Lage, zwischen Meer und Gebirge, aufgebaut.Den prachtvollen Hintergrund bilden zwei Reihen Gebirge, die sich durch die ganze Längsdes sehr schmalen Landes hineinziehen. Die Hintere unverhältnismäßig höhere Wand bildendie Cordilleren, und aus ihnen, deren mittler? Höhe 3900 Meter betrügt, erhebt sich derVulcan Aconcagua, dem 6838 Meter Erhebung zugeschrieben werden. Valparaiso selbstist eine hübsche Stadt, die eigentlich nur aus zwei, allerdings sehr langen Straßen be-steht, in denen das gesainmte öffentliche Leben sich vereinigt. Mit der großen VorstadtAlmandral zählt Valparaiso an 86,000 Einwohner. Der Seehandel ist großartig, liegtaber hauptsächlich in den Händen der Deutschen, Engländer, Franzosen und Amerikaner.Die Mehrzahl der Frauen trägt in sehr graziöser Weise über Kopf und Schulter dieManta, ein schwarzes Gewebe, das die Stelle des Schleiers vertritt, und dessen dieValparaisinnen sich reizend zu bedienen wissen. Mit stolzer Granvezza trägt der beritteneLandbewohner, wenn er zur Stadt kommt, sein malerisches Costume, Puncho genannt,zur ^Schau. Eigenthümlich ist die Ausübung des Sicherheitsdienstes bei Nacht. DiePolizei bedient sich nämlich kleiner Pfeifen, womit sie, um etwaige Diebe zu erschreckenund zu verjagen, fortwährend sich gegenseitig Zeichen gibt. Der Lärm, welcher hierdurchentsteht, trägt gerade nicht dazu bei, die Nachtruhe ungestörter zu machen.
Von Valparaiso geht eine Eisenbahn in fünf Stunden nach der eigentlichen Haupt-stadt Sant Jago. Während die erste Strecke an hübschen Dörfern, weiten Getreide-feldern, Weinbergen und Weideplätzen vorbeiführt, betritt die Bahn später ein ödes,unfruchtbares Gebirgsterrain und steigt zu einer ziemlich bedeutenden Höhe hinan, vonder man die Cordilleren vor Augen hat. Am Fuße derselben breitet sich eine weite,große Ebene aus, welche fast alle Erzeugnisse des Ackerbaues hervorbringt. Die Naturist so schön, so majestätisch und reich, daß man fortwährend versucht ist, üppige Schil-