Ausgabe 
(3.11.1880) 36
 
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Nr. 36.

1880.

zur

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Mittwoch, 3. November

O Nachruhm, holder Goldkrauz, wie Mancher wünscht dich nicht,

Und sezt an dich sein Alles, dem doch der Anker bricht!

Du bist der Götter Spende, noch Keiner dich erzwäng,

Du blühst als Wunderblume nach Sonnenuntergang.

L. Bechstein .

Hildegard.

Criminal-Novelle von Theodor Küster.

(Schluß.)

Obwohl nun frei, war William Walter doch nicht glücklich, denn von Hildegardtrennte ihn eine Schranke, welche er wohl leicht beseitigen konnte, über die jedoch>das wußte er seine Eltern niemals hinweggehen würden. Hildegard's Armuth hättesie schließlich nicht abgehalten, den einzigen Sohn glücklich zu machen, doch einen gänzlichmakellosen Namen durften sie mit Recht von der erwählten Gattin William's fordern.Der sonst so liebenswürdige junge Mann war jetzt finster und einsilbig. Seine Elternwaren befremdet über diese Veränderung und drangen vergebens in ihn, den Grundseiner Verstimmung ihnen mitzutheilen.Wir wollen Dir gern ein Opfer bringen,William, wenn Du es verlangst", sagte eines Tages der alte Consul zu dem Sohne.Du sprachst von einem armen Mädchen, das Du liebtest; hülst Du sie Deiner nochwerth und ist diese Liebe in Dir nicht erkaltet, nun wohl, so wollen auch die Mutterund ich Deinem Glücke nicht länger entgegenstehen."

William schüttelte den Kopf und erwiderte traurig:

Sie ist würdig, die Frau des besten und vornehmsten Mannes zu werden, allein was ihren Leumund betrifft, so hat das arme unglückliche Mädchen entsetzlich untereinem schändlichen, vollständig grundlosen Verdacht unschuldig leiden müssen; der Scheinwar gegen sie, und die heutige Welt ist ja nur zu geneigt, nach dem Schein zu urtheilen,und auch Du und die Mutter werdet wenn ich Dir ihren Namen nenne Euchvom allgemeinen Vornrtheil nicht freizumachen vermögen."

Sprich, William, erzähle mir von ihr", meinte der alte Consul;wenn Du sieliebst, mein Sohn, dann kann ich nicht wohl glauben, daß sie Deiner Liebe unwerth sei."

Und er erzählte von Hildegard Becker wie er sie zuerst gesehen und dannkennen gelernt; dann von dem ungerechten Verdacht, den man auf die Arme ge-worfen, und dessen muthmaßlicher Quelle, ihrer Verhaftung, der langen Untersuchungund endlichen Freisprechung. Mit warmen Worten schilderte er das junge Mädchen,ihren Fleiß, ihre Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit und die stete Sorge um die Ihrigen/»namentlich um ihren blinden Vater. Endlich sprach er auch in überwallendem Gefühlvon ihrer hohen Schönheit und herrlichen Figur.

Bedenklich schüttelte der alte Herr sein greises Haupt. Nach einer längeren Pausesagte er:

Suche sie zu vergessen, William! Deine Freunde würden stets eingedenk sein.