daß Deine Frau eines gemeinen, entehrenden Verbrechens angeklagt auf der Bank desSchwurgerichts gesessen hat, wenn sie auch unschuldig war; es ist das nun einmal derLauf der Welt, mein Sohn. Du würdest durch passiven Widerstand ausgeschlossen werdenaus der Gesellschaft und wir mit — aus derselben Gesellschaft, in welcher Du jetzt denersten Platz einnimmst. An bittern, verletzenden Reden und Commentaren hinter DeinemNucken würde es auch nicht fehlen — und dergleichen stört ein Glück, wenn auch erstnach einiger Zeit und nachdem der erste Traum verflogen. ..." —
„Könnte ich sie nur vergessen, Vater!" rief William schmerzlich; „aber das bleicheAntlitz mit den sanften- unschuldigen Augen verfolgt mich immerfort, wie sehr ich sie auchZu meiden suche — ich kann sie nicht vergessen!"
„Zerstreue Dich, mach' eine Reise, dann siehst Du andere Gegenden, andereMenschen, empfängst neue Eindrücke, und das wird Dir wohl thun, wird Dich vergessenmachen." —
Doch der junge Mann schüttelte ernst den Kopf. Hildegard's Bild hatte sich zufest gesetzt in seinem Herzen, er hatte zu viel schon um sie gelitten, als daß eine Reiseden Eindruck verwischen sollte, den sie auf ihn gemacht.
Die Frau Senatorin Erken's, Hildegard's Gönnerin, gab eine große Gesellschaft.Die ersten Familien der großen Handelsstadt, die Aristokratie der Geburt und des Geldesund viele Fremde von Distinction versammelten sich in ihren Salons.
Frau Senatorin Erkens war eine geistreiche, kunstsinnige, noch schöne Frau; siekonnte sich erlauben, was andere Mitglieder der exklusiven Hamburger Gesellschaft nichtwagten, was anderwärts nicht geduldet wurde, nämlich: nach den geltenden Begriffennicht in diese Kreise Gehörende einzuladen und sie vollberechtigt nüt den klebrigen aufihren Festen zu empfangen.
Die Frau Senatorin hatte das Talent der jungen Malerin zufällig und zeitigerkannt und ihre Freunde auf Hildegard Becker aufmerksam gemacht, deren Bilder ihrenSalon zierten. Sie wußte ihre Besucher auf die allgemeine Schönheit, die feine Be-handlung, das vorzügliche Colorlt und die vollendete Technik in diesen Bildern aufmerksamzu machen. Die weltgewandte Dame wußte sehr wohl, wie förderlich eS Hildegard'sInteressen und ihrem Rufe sein mußte, wenn diese eine gewisse Stellung in der „Gesell-schaft" einnähme, und sie zögerte darum auch nicht, das junge Mädchen zu sich ein-zuladen, so oft sie mehrere Gäste empfing — besaß Hildegard doch den Freibrief derKunst, der den Weg zu den Größten der Erde selbst zu bahnen vermag.
In der glänzenden Gesellschaft, unter den schwerrauschenden Seidenroben der hoch-Müthig sie musternden Kaufmannsfrauen konnte Hildegard sich wohl kaun: heimisch fühlen,doch die Dame vom Hause verstand es auch hier wiederum, dem zwar sehr bescheiden,Loch mit sicherem Anstand auftretenden jungen Mädchen das Debüt in der großen Weltzu erleichtern. Sie kannte genau alle Diejenigen, welche im Stande waren, den Werthder Künstlerin und ihrer Werke zu beurtheilen, und ihnen stellte sie Hildegard mit be-sonders freundlichen empfehlenden Worten vor.
„Mein liebes Fräulein", sagte sie an diesem Abende, „erlauben Sie, daß ich Sieinit diesem Herrn noch bekannt mache: Herr Viee-Consul Walter — Fräulein HildegardBecker, Malerin von Gottes Gnaden, ein junges, noch kaum gekanntes, doch großes undvielversprechendes Talent, mein lieber Consul."
Die Senatorin wandte sich anderen Gästen zu und bemerkte es nicht, wie verwirrtdie beiden soeben sich Vorgestellten einander gegenüberstanden. — Der unerwartete BlickHildegard's hatte William Walter betroffen gemacht; er glaubte seinen Augen nichttrauen zu dürfen, und sie wagte kaum, die ihrigen zu ihm zu erheben. Eine tiefe,brennende Nöthe hatte ihr feines, bleiches Gesicht überzogen; den sie Monate hindurch*nicht mehr gesehen, dessen Bild aber stets in ihren Gedanken gelebt — er stand jetztvor ihr, und Beide wußten sie nicht Worte zu finden bei diesem so ganz ungeahntenWiedersehen. Trunken hingen seine Augen an der schlanken, herrlichen Müdchengestalt,