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beseligt sah er an ihren: Erröthen, ihrer großen Verwirrung, daß sie seiner nicht vergessen,daß sie an ihn, wie er an sie gedacht; mächtiger den je fühlte er, wie theuer ihm Hilde-gard sei, und dieser eine Moment des zufälligen Wiedersehens genügte, um in ihm denfesten Entschluß erstehen zu lassen, daß er — komme was möge — alle Schranken zer-trümmern wolle, die ihn von ihr schieden; sie allein mußte sein Weib werden — unddas bald! -— Er, der sonst so gewandte Weltmann, konnte jetzt keine gleichgültigenWorte, keine konventionelle Phrase finden; mit leicht bebender Stimme sagte er:
„Darf ich Sie meinen Eltern vorstellen, Fräulein Becker?"
Leicht legte Hildegard ihre Hand auf den ehrerbietig ihr dargebotenen Arm William's.Erstaunt sahen dessen Eltern auf, als er mit der in Schönheit strahlenden jungen fremdenDame sich ihnen näherte. Mit einigen förmlichen Worten wandte sich die „Frau Con-sulin" nach erfolgter Vorstellung an Hildegard, die ihr ohne jede Verlegenheit, in ge-wählten Ausdrücken antwortete. Man sah und hörte ihr nicht an, daß sie zum erstenMal in einer solchen Gesellschaft sich bewegte; sie besaß die wahre Herzensbildung, unddas Bewußtsein ihres Werthes half ihr über die Klippe der Aengstlichkeit hinweg.
Der Vater William's schien ein besonderes Interesse an der jungen Künstlerin zunehmen; er ahnte, daß es Diejenige sei, von welcher William ihm gesprochen, und dassinnige Mädchen machte ersichtlich auf ihn den günstigsten Eindruck; er konnte sich jetztrecht wohl die Macht erklären, welche seinen Sohn an sie fesselte. William war immerein Idealist gewesen, und daß dies Mädchen ihn zu fesseln vermochte, fand der alteConsul ganz dem Charakter seines Sohnes entsprechend.
Gencralconsul Walter suchte die Dame von: Hause auf.
„Darf ich, verehrte Frau, Sie um einige Augenblicke Gehör bitten — um einsPrivataudicnz, wenn Sie wollen?" fragte der alte Herr, fein lächelnd, indem er sich vorHildegard's Gönnern: tief verneigte.
„Bitte, Herr Consul, kommen sie hier in dies Schmollwinkclchen, da können wirganz ungestört plaudern", entgegnete in verbindlichster Weise die Senatorin, und führteWilliam's Vater in den Raum, in welchem zwei Divan's standen und der von demgroßen Saale durch eine schwere Porti re geschieden war. Dort nahm sie Platz undlud den alten Herrn ein, ihrem Beispiel zu folgen, neugierigen Blickes seine immernoch sein lächelnden Züge fixirend.
„Die fremde junge Künstlerin", begann der Gencralconsul, „welche mein Sohnuns soeben vorgestellt hat, interessirt mich, und ich möchte von Ihnen gern Näheres überdiese Dame hören, Frau Senatorin. Wie lernten Sie das junge Mädchen kennen?" —
„Ah! mein Schützling gefällt auch Ihnen, Herr Consul?! — Ja, es ist ein herr-liches Mädchen und ein wirkliches großes, ganz exceptionelles Talent. Sehen Sie dortjene entzückende Mondlandschaft? — Das ist ihre freie Composition. Dort eine andereLeistung von Fräulein Becker: Die meisterhafte Copie der „Tochter Tizian's."
„Den Namen Becker, in Verbindung mit einer jungen Malerin, habe ich voreiniger Zeit in einer Gerichtsverhandlung gelesen, es handelte sich um einen Gemälde-Dicbstahl, glaube ich . . . ." —
„Ach, das ist eine traurige Geschichte, mein lieber Herr Consul! — Bosheit undRache haben das arme Mädchen in jenen schmählichen Verdacht gebracht; die Umständewaren allerdings auch recht verhängnißvoll für sie. Aber ich bitte Sie, bester Herr Consul,sehen Sie sich doch das Madonnen-Gesichtchen einmal recht aufmerksam an; könnten SieHildegard Becker eines gemeinen Verbrechens fähig glauben? — Sie wurde ja auch ein-stimmig von den Geschworenen freigesprochen; aber es ist diese Angelegenheit doch fürdas ganze Leben des armen Kinde.s verhängnißvoll geworden, denn Neid und Bosheitvermögen immerhin einen Makel an ihr zu erblicken, den der edle, vorurtheilsfreie Menschnicht zu entdecken vermag. Vernünftige Leute werden das durchaus brave und ehren-werthe junge Mädchen nicht dafür verdammen, daß einmal ein ungerechter Verdacht ausdasselbe geworfen wurde." —