Ausgabe 
(3.11.1880) 36
 
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Ziemlich lange noch sprachen die Beiden von Hildegard, dann bat der alte Consuldie Senatorin, doch die Gelegenheit wahrzunehmen, um auch mit William's Mutter überdas junge Mädchen zu sprechen.

Während des ganzen Abends war der junge Konsul an Hildegard's Seite. Erhatte die Senatorin gebeten, jene zu Tisch führen zu dürfen, und lächelnd drohte dieDame des Hauses, ihn ermahnend, dem armen Mädchen nicht zu viel Schönes zu sagen.

Als dann die Gesellschaft sich trennte, da fragte William leise die Malerin mitjenen: tiefen Blick voll Liebe, welcher sie so unendlich glücklich zu machen geeignet war:

Darf ich Sie morgen in Ihrem Atelier besuchen, Fräulein Hildegard?"

Errathend flüsterte sie leise zustimmende Worte. William drückte ihr bewegt dieHand und verabschiedete sich kurz.

Hildegard war es zu Muthe, als schwebe sie in seligen, berauschenden Träumen;es jubelte auf in ihr, denn nun wußte sie sich geliebt, wußte, daß er kommen wolle,nachdem sie monatelang getrennt gewesen und sie sich nach ihm ohne Unterlaß gesehnt.Er wollte kommen! Dieser Gedanke beseligte sie unbeschreiblich und machte schnell all'das Leid der letzten Monate vergessen, um so mehr, als sie ihn in der That schon auf-gegeben hatte als unerreichbar.

Am andern Vormittag ging Hildegard unruhig in ihrem kleinen Atelier umher,jeder nahende Schritt ließ ihr Herz heftiger schlagen. Und sie wartete diesmal nichtvergeblich uud auch nicht lange; William kam bald. Erregt, mit freudeglänzenden Augenergriff er beide Hände des jungen Mädchens und sagte leise, bebend:

Hildegard!"

Er fühlte, wie sie erbebte. Da zog er sie die nicht Widerstrebende an sich,und ihr Gesicht zu ihm erhebend, seine Augen in die ihren versenkend, flüsterte er:

Hildegard ich liebe Sie schon lange, schon seit ich Sie zum ersten Malgesehen! Werden Sie mein Weib!"

Ihre Augen voll Glück und Liebe sagten ihm, daß er nicht vergebens gebeten, daßauch er heiß und innig geliebt war.

Leidenschaftlich preßte er sie an seine Brust, und in einem langen ersten Kuß wardder Bund dieser zwei edlen Herzen besiegelt.

An William Walter trat nun zunächst die Pflicht heran, seine Eltern von seinemfesten Entschluß, sich mit Hildegard zu vermählen, in Kenntniß zu setzen. Daß erbei seinem Vater leichtes Spiel haben werde, wußte er, bei derFrau Consulin" dagegenfürchtete er auf energischen Widerstand zu stoßen.

Den größten und beharrlichsten Widerstand jedoch fand er da, wo er ihn am wenigstenvermuthet hatte bei Hildegard selbst.

Nachdem bei ihr der erste Rausch des Glückes nüchterner Betrachtung gewichen,mußte das feinfühlende Mädchen sich sagen, daß sie noch unter dem Verdacht des bis-lang unaufgeklärten Diebstahls, wenn auch durch das Schwurgericht freigesprochen, stehend nicht eher William's Gattin werden, ja nicht einmal sich als seine Verlobte betrachtenkönne, bevor nicht Licht, volles, klares Licht in dieser Angelegenheit geschaffen wordensei. Und diese Ansicht war ja im Princip auch die richtige. Aber wie sollte der Vor-hang gelüftet werden von dem räthsclhaftcn Verschwinden jenesMurillo?"

Als William sie noch an demselben Tage wiedersah und ihr mittheilte,daß sein Vater gar keine Einwendung gegen ihre Verbindung erhoben, seine Mutter ihreEinwilligung nur davon abhängig gemacht habe, Hildegard erst näher kennen zu lernen,da sagte diese schmerzlich:

William, ich liebe Dich mehr als ich sagen kann, doch Deine Gattin kann ich nichtwerden, ja nicht einmal als Deine Verlobte mich betrachten, so lange jener schwarze Fleckunverwischt in meinem Leben dasteht. Daß ich unschuldig bin, bedarf ja unter unskeiner Erörterung, allein wir sind nicht die Welt, und Du darfst nicht mit Deinemmakellosen Namen einen befleckten verbinden. Gott möge geben, daß der wahre Sach-