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durch Fischhausen kamen der stille See entgegen, und selbst die kleinen Wellen, die derMorgenwind an's Ufer trieb, begrüßten sie mit freundlichem Willkommen.
In Schliersee auf der Post wurde angehalten und für die Rückfahrt, besondersfür den verwundeten Jaroczyn die beste Postchaise bestellt, die der freundliche Posthalterbereitwilligst zusagte, und der Postanderl in seiner besten Postlivre und mit dem weiß undblauen Federbusch am Hut mußte die Gäste fahren.
Kaum konnten unsere Liebenden die Stunde erwarten bis der Zug um 4 Uhr vonMünchen her eintraf, und ungeduldig harrte Franzl mit seinem leichtem Gespann vor demBahnhof. Da endlich ertönte das Zeichen von der letzten Station, und mit Herzklopfenvor freudiger Erwartung standen Leni und Franzl am Perron, als der Zug langsamin den Bahnhof einfuhr.
Fräulein Helene war-die Erste, welche aus dem Coupe heraussprang, und in dieArme ihrer Freundin eilte, dann kam der alte Freiherr, der mit Hülfe seines Dienersdem armen Jaroczyn mit seinem Stelzfuß, angethan in seiner preußischen Uniform, ge-schmückt mit mehreren militärischen Ehrenzeichen, heraushalf. Rührend war es, wie sichbeide Kameraden mit Thränen vor Freude des Wiedersehens in den Armen lagen;schweigend betrachtete der alte Freiherr die Glücklichen, und mit herzlichem Gruß undHandschlag trat er nun auch zu Franzl und Leni heran. Jetzt erst nachdem der ersteSturm des Wiedersehens vorüber war, konnten die Ankommenden die liebliche Gebirgs-gegend betrachten, und der Preuße aus der öden Gegend seiner Heimath rief oftmalsvor Verwunderung aus: „schön Bayern , schön Gebirg!" —
Nachdem nun der Diener das Gepäck besorgt hatte, rüsteten sich die Reisenden zurWeiterfahrt, und Franzl ließ es sich nicht nehmen, Fräulein Helene in seinem leichtenWägelchen zu fahren, während die übrigen in der großen Postchaise mit Jaroczyn Platznahmen. Lustig ließ Anderl sein Posthorn ertönen, als sie durch die freundlichen Ge-birgsdörfer fuhren, und Alt und Jung winkte den Vorüberfahrenden freundlich zu, undmanch Heller Juchzer einer lustigen Dirne erscholl von der Laube eines am Wege gele-genen Hauses.
Fräulein Helene, welche mit Franzl vorausfuhr, fand kein Wort des Entzückens,als sie am Schliersee entlang fuhren, der wie ein glänzender Spiegel still und ruhigeingeschlossen von den mächtigen Bergen vor ihren Augen lag, und Staunen erfülltesie, als sie das Haupt der Berge, den Wendelstein erblickte, der von der herbstlichenAbendsonne beleuchtet im violetten Scheine gar wundersam abstach gegen die schon dunkelngefärbten Bergriesen, die das liebliche Aurachthal begrenzen. Franzl nannte sie allebeim Namen, die Brecherspitzc, der Jägerkamm rc. rc. und zeigte ihr auch die Gegend,wo die Alm liegt, auf welcher Leni diesen Sommer zubrachte.
Es dämmerte schon als unsere Gesellschaft am Gschwendtnerhof anfuhr, und hier,wo Alles in: Sonntagsstatte sie empfing, war der Empfang nicht weniger herzlich alsam Bahnhof in Miesbach . Fräulein Helene mußte natürlich im Gschwendnerhof bleiben,während Jaroczyn seine Wohnung bei Franzls Eltern am Huberhof schon hergerichteterhielt.
Erst spät Abends trennte man sich, und wohl hatte niemand eine glücklichere Nachtdurchträumt als unser „Blcami von Geitau." —
Während nun die Vorbereitungen zur Hochzeit unseres Brautpaares getroffenwurden, machte der Freiherr mit seiner Tochter häufig Ausflüge in die Umgegend, wobeiLeni ihre stete Begleiterin war, und auch Jaroczyn sich beigesellen mußte, namentlichwenn solche Partien zu Wagen gemacht wurden. Auch die Alm Gschwendtners mußteHelene kennen lernen, welche ausnahmsweise zu dieser schönen Herbftzeit noch bezogenwar, und sie konnte sich nicht trennen von der frischen freien Luft, die da oben wehte,und jetzt erst wurde ihr klar, daß Franzl als er im Lazareth in. Würzburg lag, so oftSehnsucht nach seinen Bergen äußerte, ja oft ein trostloses Heimweh nach dieser idylli-schen Einsamkeit nicht unterdrücken konnte. Auch Nesei's Sennerhütte wurde besucht.